Vier. Ab in die Berge.

Am Samstag den 13.04.19 ging es mit einem Bus nach Manali. Den Bus zu erreichen war schon ein Abenteuer für sich. Delhi ist so groß und ich kann mich wirklich glücklich schätzen mit Mithun. Wir kamen irgendwo an, wo dann tatsächlich auch under Reisebus 30 Minuten nach planmäßiger Abfahrt losfuhr. Bis dahin waren einige Männer in die Abwicklung involviert. Es wurde telefoniert, Namen notiert, Geld kassiert, nochmal eine Liste kontrolliert und dann ging es los. Deutlich bequemer als ich es mir vorgestellt habe. Es wurden regelmäßige Pausen eingelegt und Schlaf wäre auch eine Option gewesen. Bisher konnte ich in jedem Gefährt bestens schlafen – bisher impliziert jedoch nicht den indischen Verkehr. Hupen, Bremsen, Schaukeln, Anhalten und nochmal Hupen. Aber alles halb so wild, denn als ich schlaftrunken aus dem Fenster blickte erwartete mich ein atemberaubender Anblick. Hohe Felswände, ein wilder Fluss, vereinzelt Häuser und ferner die eingeschneiten Bergspitzen. Im nächsten Augenblick schloss ich die Augen jedoch wieder ganz schnell, denn mir wurde bewusst, dass unsere Straße sehr schmal und holprig ist. Also lieber nicht hingucken und abwarten bis wir da sind.
Früh morgens um halb acht fielen wir dann aus dem Bus und retteten uns vor den Taxi-Fahrern zum ersten Chai-Verkäufer. Erst einmal ankommen und nicht das erst Beste Angebot annehmen lautete der Profi-Rat. Also ging es einen Chai später mit der Riksha zwei Kilometer den Berg empor. Die Aussicht war atemberaubend und irgendwie fühlte es sich ein wenig wie damals in Österreich an. Dieser Eindruck hielt jedoch nur so lange, wie man die Bergspitzen betrachtete. Generell ist es schwierig ein Foto zu machen, auf dem kein Müll zu sehen ist. So auch hier in den Bergen. Hier und da wird Müll mal verbrannt oder er liegt einfach herum. Da es überall so aussieht gewöhnt man sich schnell daran. Fleißig gefegt und aufgeräumt wird allerdings an jeder Ecke. Fünf Minuten später und 80 Rupies leichter sind wir im Ortskern angekommen. Dieser wird mit lauter Musik beschallt und es wirkt alles noch halb verschlafen. Mithuns Freundin und eine Yoga-Bekanntschaft meinerseits ist zufällig auch in diesem kleinen Örtchen. Ich muss schmunzeln, denn zuletzt haben wir uns vor über einem Jahr auf ihrem Geburtstag in Köln gesehen. Seither nicht mehr. Wie hoch ist also die Wahrscheinlichkeit, dass man sich irgendwo in Indien versteckt im Himalaya wiedersieht? Entsprechend herzlich fällt die Begrüßung aus. Sie ist gemeinsam mit einem Freund unterwegs, der wie ich später erfahre, der Sikh-Religion angehört. Darüber könnte ich jetzt viel schreiben… das merk-würdigste Merkmal für mich war folgendes: Als Sikh trägt man einen kunstvoll gebundenen Turban. Dieser berechtigt einen dazu KEINEN Helm tragen zu müssen. Nun gut so waren wir also eine kleine Gruppe, in der selben Unterkunft untergebracht und neugierig auf die Berge. Mithun und ich nutzen den ersten Tag um die Gegend ein wenig zu erkunden. Eine kleine Wanderung den Berg empor, landen wir bei einem Tempel. Mir kommt es mehr wie eine große Verkaufsveranstaltung vor. Nippes, Safran, Blumen, Anziehsachen… Stand um Stand reiht sich nebeneinander auf dem Weg zum Tempel. „Sit sit Mam, good Picture“- ist die Einladung sich auf einen wunderschönen Büffel zu setzen. Also einmal schnell den Tempel von Außen angeguckt und ab Richtung Wald, der Ruhe verspricht. Hier und da stehen noch Menschen und posen Bollywood-reif vor dem Tempel für die Kamera. Nach einem kleinen Snack bestehend aus „Momos“ ( kleine Teigtasche gefüllt mit Gemüse) geht es den Berg wieder herunter. Später am Tag genießen wir die Sonne auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Zwischen Wiesen und Gräsern gesellt sich eine kleine Ziege zu uns und ich fühle mich ein bisschen wie Heidi. Der Tag endet zu viert mit einer gemeinsamen Suppe und dann falle ich erschöpft ins Bett. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Kaum ist die Nachtruhe eingekehrt beginnen die Straßenkämpfe der Hunde. Aus jedem Winkel ertönt Bellen und Knurren. Zum Thema Hunde ist zu sagen: Bisher habe ich nur fröhliche Hunde gesehen, die alle frei draußen leben. Ebenso in Delhi. Hier habe ich vielleicht fünf angeleinte „Haushunde“ gesehen. Beliebt ist der Deutsche Schäferhund. Ansonsten sind die Hunde frei unterwegs und werden auch gefüttert.
Unseren zweiten Tag verbringen wir in der prallen Sonne. Unser Ziel ist ein kleiner Ort namens Haripur. 15 km südlich von Manali. Ohne MIthun hätten wir wohl niemals so günstig zwei Roller organisiert bekommen. Ein Anruf seinerseits und plötzlich kommt jemand um die Ecke gelaufen. Diesem jemand folgen wir dann in eine ganz versteckte Ecke. In dieser versteckten Ecke bekommen wir jedoch unsere Roller für einen unschlagbaren Preis. Ich frag schon gar nicht mehr nach. Mithun ist vom Fach und es ist einfach nichts unlösbar für ihn. Also geht es los (diesmal mit Helm für mich) Richtung Haripur. An den Fahrstil habe ich mich inzwischen gewöhnt und hab da jetzt auch eine gewisse Portion „Vertrauen“. Das Hupen hier beeindruckt mich nach wie vor. Vielleicht wird die Hupe in manchen Ländern tatsächlich zu persönlich genommen. Der Verkehr funktioniert hier bestens, da jeder hupt, der von hinten überholen möchte. Da kann man also auch bestens OHNE Rückspiegel am Roller fahren. ( Unser Roller hatte nämlich keine Rückspiegel).
Also die Sonne im Rücken, den Fahrtwind um die Nase und die Berge als Kulisse. Auch ich kam in den Genuss zu fahren. Roller fahren durfte ich ja in Thailand lernen, von daher ging das ganz gut. Angekommen in Haripur suchten wir uns unseren Weg hinunter zum Fluss und fanden eine wunderbare Stelle. Sonne tanken, Flusswasser trinken und einfach sein. Jeder Tag ist auch immer von köstlichem Essen begleitet. Dazu werde ich aber mal einen eigenen Beitrag schreiben.
Am Dienstag trennen sich unsere Wege als vierer-Gespann. Es schüttet wie aus Eimern und doch folgen Mithun und ich der Einladung von Rishi. Rishi ist ein Freund von Mithun, der in der Nähe von Haripur wohnt. Mit Regencape und besonders viel „Vertrauen“ geht die Rutschpartie auf dem Roller los. Wobei ich sagen muss, dass es nur rutschig aussah. Der Roller wie auch Mithun haben sich als Regenfest behauptet. Die Straße ist nicht geteert und besteht demnach aus einer Menge Geröll und Matsch. Aber gut wir sind gut durchgekommen und werden ein wenig später von Rishis Frau Mamta und deren Tochter in Empfang genommen. Ich erlebe einen Tag und eine Nacht gefüllt mit unglaublicher Gastfreundlichkeit. Auch wenn unsere Sprachbarriere vorhanden ist, so verstehen wir uns trotzdem. Ich darf die traditionelle Küche kennen lernen und das Leben in den Bergen erfahren. Rishi und seine Frau sind kaum älter als ich und sind seit über zehn Jahren verheiratet. Eine Liebesheirat, wie er mir erzählt. Der Wunsch nach Heirat hat sogar seine Mutter überrascht, da hier normalerweise mit 25 geheiratet wird. Am Abend besuchen wir noch das Familienhaus der beiden. Dort leben ihre wie auch seine Familie gemeinsam. Dort saßen die Frauen zusammen um einen kleinen Ofen und bereiteten einen Teig vor. Ich wurde gebeten mich dazu zu setzen. Einen Augenblick später kam der Großvater herein. Er setzte sich und blickte mich an. In diesem Moment wollte ich mein Tuch, welches ich um die Schultern trage, neu ausrichten. Dabei entblößte ich ein wenig mein Brustbein. Ich trug keinen Ausschnitt oder dergleichen aber man sah eben etwas Haut. Der Großvater beugte sich herüber und zeigte wild auf mich und sagte etwas. Ich war total verunsichert und alle fingen an wild zu reden und hielten den Großvater zurück. Ich verstand nichts und der Großvater zeigte weiter auf meine Haut mit aufgerissenen Augen. Die Situation war komisch und ich merkte, wie ich rot wurde. Schnell legte ich das Tuch über mich und guckte hilflos zu Rishi und Mithun. Dann nahm der Großvater meinen linken Arm und fühlte meinen Puls und in diesem Moment erklärte mir Mithun die Situation. Der Großvater ist ein ayurvedischer Doktor und dachte ich sei als Patienten dort. Mein Brustbein war etwas gerötet von der Sonne am Vortag und ebenso habe ich ja manchmal etwas Hautprobleme. Er wollte wissen, seit wann ich diese Hautirritationen habe. Als die Situation aufgelöst war mussten wir alle laut lachen. Leider kam es zu keiner Diagnose oder einem ärztlichen Tipp 🙂
Tja und am nächsten Tag ging es zurück nach Manali. Es regnete wie am Vortag und wir waren sehr durchgefroren. Glücklicherweise konnten wir noch zwei Stunden in unserer alten Unterkunft verweilen. Dort hatten wir auch unser Gepäck gelassen. Um fünf hieß es dann Aufrappeln und den Heimweg antreten. 12 Stunden Busfahrt. Vor zwei Stunden sind wir in Delhi angekommen. Eine Dusche und frische Klamotten waren bitter nötig. Wirklich geschlafen habe ich nicht und der Tag heute wird sich ähnlich gestalten. In wenigen Stunden geht es nämlich weiter zum Bahnhof. Von da aus nehmen wir dann den Zug nach Kolkata. Kolkata ist die Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen. Dort bleiben wir auch ein paar Tage, wie lange steht noch nicht fest.
Jetzt hab ich meine letzten Tage versucht zu beschreiben, bin in den Zeiten gesprungen und habe keine Struktur eingehalten. Genauso chaotisch fühlt sich für mich aber auch noch alles an. Meine Gefühle hüpfen in jeder Sekunde und so richtig begreifen kann ich das alles auch noch nicht. Ich melde mich wieder , sobald ich wieder am Laptop bin. Bis dahin, alles Liebe zu euch.

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