Sechs. Rishikesh – du heilige Herausforderung.

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Samstag Abend, der 27. April 2019. Angekommen. Angekommen in der Stadt von der ich bereits so viel hörte und las. Eine Stadt, die für mich ein Zuhause werden kann. Da wir in der Dunkelheit ankamen, war nicht viel zu erblicken. Der stetige Verkehr, das andauernde Gehupe und das anhaltende Chaos nahmen mir schnell die Illusion, von Anfang an umgehend in einem Rishikesh-Yoga-Rausch zu sein. Auch hier herrscht Verkehr, Lärm und auch hier liegt Müll herum. Nun gut, nachdem wir an der vorab auserkorenen Ecke angekommen waren, entschieden wir uns nach drei Besichtigungen für das letzte Gästehaus. Es gilt zuerst die Zimmer anzuschauen, den Preis zu erfragen und dann zu gehen. Da kann es schon mal sein, dass das Zimmer doch nicht so viel kostet oder ganz zufällig in diesem Moment ja doch noch ein Zimmer frei ist für günstigere Konditionen. Mir fällt das Handeln wirklich nicht leicht- und doch gehört es hier schon fast zum guten Ton. Das ganze geschieht ja auch freundlich und nicht wütend. Weitere Praxis wird mich auch darin sicherer machen und dann macht es bestimmt auch Spaß. Unsere Bleibe ist höher gelegen und wir haben einen wunderbaren Ausblick über Rishikesh, welches uns quasi zu Füßen liegt. Rishikesh liegt rechts und links vom Ganges. Quasi wie Bonn und Beuel. Es gibt zwei Brücken, die die jeweiligen Zentren miteinander verbinden. Die Lichter scheinen in die dunkle Nacht und ich bin glücklich endlich angekommen zu sein.

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Den ersten Tag nutzen wir um die Gegend ein wenig zu erkunden. Am Liebsten ab in die Natur, etwas Wasser und wenig Menschen. Das in der Gegend ein Wasserfall sein soll passt uns demnach bestens in den Tagesplan. Dreißig Minuten soll er nur entfernt sein. Wie sich ein wenig später herausstellt, gibt es wohl mehrere Wasserfälle. Der von uns auserwählte war jedenfalls keine dreißig Fußminuten entfernt. Der Weg dorthin ist auch eher für Autos gedacht und hat mit einem grünen Spaziergang leider nichts zu tun. Also entlang der Straße, wieder lautes Hupen, wild fahrende Autos und die Sonne schön heiß über uns. Herrlich. Genau so haben wir uns das vorgestellt. „Sina kannst du bitte ganz rechts an der Seite gehen. Die fahren dich noch um“ höre ich immer wieder von Axel. Recht hat er ja. Die mit Touris bepackten Jeeps brettern an uns vorbei und alle fünf Meter möchte uns jemand Eis verkaufen. Nach ungefähr 1,5 Stunden erreichen wir dann etwas, dass einem Wasserfall entspringen könnte. Man zahlt Eintritt und darf weiter den Berg hinauf fahren oder in unserem Fall gehen. Unterwegs werden wir dann noch „angebrüllt“. Ein Auto bleibt mit quietschenden Reifen stehen und fünf junge Männer springen heraus. „Mister Mister please come. Please one picture, please.“ Sie kommen uns entgegen gelaufen und teilen uns laut mit, dass sie aus Punjab sind und Urlaub machen. Also fix ein Foto gemacht, Hände geschüttelt und weiter geht es. Man muss dazu sagen, dass meine Begleitung Axel blond ist und einen Bart hat – das ist hier der Kassenschlager. Ein halbes Stündchen später sind wir dann am Fuße des Wasserfalls angekommen und suchen uns ein ruhiges Plätzchen zum Abkühlen. Wenn man sich den hinterlassenen Müll wegdenkt war es wirklich sehr idyllisch und das nasse Kühl tat mehr als gut.

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Nach der zweiten Nacht wechselten wir unsere Unterkunft, da es ein Wasserproblem gab. 24 Stunden ohne Wasser im Bad sowie Trinkwasser ist dann doch nicht so praktisch. Also begaben wir uns hinunter von unserem Berg und stürzten uns in das Getümmel auf der anderen Seite im Zentrum von Rishikesh. Die Brücke, welche zu überqueren ist, ist sehr schmal und wird von Fußgängern, Roller – und Motorradfahrern ebenso wie von Kühen genutzt. Das ist ganz schön kuschelig bei einer geschätzten Breite von 1,5m. Zwischen Selfiesticks, Gehupe und Gedränge schoben wir uns auf die andere Seite und erreichten unsere zweite Unterkunft, welche zwei Straßen parallel von der Hauptstraße liegt. Also ein wenig abseits und nicht ganz so laut. Der Anstieg dorthin bescherte uns die ersten Begegnung mit der Stammbesetzung von Kühen und Hunden dieser Gassen. Umgehend liehen wir uns einen Roller aus um weiter erkunden zu können. Das Ziel sollte das besagte „Beatles-Ashram“ sein, welches in jedem Reiseführer angepriesen wurde. Weit entfernt war es nicht aber die unsrige Konstellation liebt die Umwege. Denn nachdem wir mit dem Roller wieder auf die andere Seite des Flusses mussten um zu tanken, beschlossen wir einen etwas längeren Weg zu nehmen um dieses Brückenerlebnis zu umgehen. Dieser Weg führte uns auch über eine Brücke jedoch weiter nördlich der Stadt und demnach frei. Wir fuhren hinauf in die bergige Waldlandschaft und konnten endlich Natur ohne Müll sehen. Das Gefühl hinten auf dem Roller zu sitzen und die Landschaft zieht an dir vorbei – unbezahlbar schön. Hier und da entdeckten wir Affen, die am Wegesrand saßen. Immer wieder bot sich der Anblick Rishikesh´s von oben und es wirkte so friedlich und ruhig. Unser Weg schlängelte sich den Berg hinunter und nach einigen Umwegen kamen wir an unserem Ziel an. Ich hatte es mir viel touristischer vorgestellt und war heilfroh als ich bemerkte, dass kaum ein Besucher vor Ort war. Ein Gelände, so traumhaft gelegen. Nah am Wasser und doch in den ruhigen Bergen versunken. Ein Gelände bestückt mit verschiedenen Gebäuden. Verlassen und doch so viel erzählend. Maharishi Mahesh hatte hier einst seine Meditationszentrum gegründet. Die nach ihm geläufige Transzendale Meditation wurde sehr bekannt und so kamen auch die Beatles an diesen Ort.

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Durch die Bekanntheit der Beatles wurden viele Menschen auf diesen Ort Rishikesh und dieses Ashram aufmerksam. So wie ich es verstanden habe, erlangte Rishikesh durch diesen Besuch der Beatles an Aufmerksamkeit im Westen. Menschen kamen in dieses Ashram und lernten die Lehre von Maharishi Mahesh. Die leerstehenden Gebäude und Baracken erzählen die Geschichten und irgendwie wirkt alles noch ganz lebendig. Die Gebäude sind inzwischen zu Gemälden geworden. Künstler haben die Wände mit wunderschönen Bildern verziert. In jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken und die Ruhe dieses Ortes begleitet uns bei jedem Schritt.

Ruhe und Frieden wurden ziemlich schnell von Unwohlsein abgelöst.

Der Abend gestaltete sich noch als sehr gesellig. Auf unserem Heimweg trafen wir „zufällig“ einen alten Bekannten von Axel aus Australien. Klar. Wieso auch nicht. Man trifft sich nach einem Jahr zufällig in Rishikesh. Manuel kommt aus Italien und ist seit einer Woche in Rishikesh. Die beiden kennen sich aus Broome. Manchmal scheint die Welt noch mehr ein Dorf zu sein, wenn man reist. Also verbringen wir den Abend in einem super gemütlichen Restaurant, welches ganz dunkel gehalten ist und wie ein Baumhaus über dem Fluss gebaut ist. Die beiden erzählen mir lustige Geschichten aus Australien und wir genießen leckeres Essen. So nun zu der angedeuteten Wendung. Es ist Montag Abend und ab diesem Abend wird unsere gemeinsame Woche eher zu einem Krankenlager. Erst lag Axel bis Freitag flach. Gut man muss sich hier wirklich umgewöhnen und akklimatisieren aber es ging ihm echt nicht gut. Also war Piano angesagt und keine große Action möglich. Fand ich jetzt nicht so schlimm. Ich konnte mich langsam an diese Stadt gewöhnen, die von Touristen durchzogen war und an jeder Ecke Yoga, Meditation, Massage oder super tolles Essen möglich war. Reizüberflutung. Ich bin absolut dankbar für diese Woche „ankommen“ mit einer Person, die nicht auf diese Dinge anspringt, denn so konnte ich mich auch bremsen und alles erst einmal beobachten.

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Unser Plan war jedoch diese Woche noch eine Motorradtour zu machen. Dieser Wunsch erfüllte sich dann auch am Freitag. Axel ging es wieder gut und wir hatten uns schon ein Motorrad ausgeguckt. Also ungeplant wie immer aufs Motorrad und ab Richtung Himalaya. Die Royal Enfield sah auf den ersten Blick sehr gut aus und ich fühlte mich sehr wohl auf dem Hintersitz. So flatterte mein Kleid im Wind und die Natur zog in ihrer atemberaubenden Schönheit an uns vorbei. Das Flusswasser wurde immer farbintensiver und klarer, weiße Sandstrände, welche unberührt schienen schmiegten sich am Wasser entlang. Die Fahrt war natürlich nicht ganz so fließend wie der Fluss. Unfertige Straßen, viel Gehupe, lebensbedrohliche Fahrmanöver und viele Kurven beeinflussten ein stetiges Fahren. Bei unserem ersten Stopp bemerkten wir, dass unsere angedachte Strecke doch etwas zu lang ist. So entschieden wir uns bis zum nächsten „Highlight“ namens „Holy Sangam“ zu fahren. Laut Google Maps handelte es sich um eine Stelle an der man sich im Fluss erfrischen kann. Zudem fließen an besagter Stelle zwei Flüsse zusammen und ergeben ein interessantes Bild ab. Der eine Fluss namens Alaknanda färbt sich etwas grauer wohingegen der andere Fluss namens Bhagirathi in einem türkisblau dahergeflossen kommt. Aus diesen beiden Flüssen ergibt sich dann der Fluss Ganges. Das Wort Sangam bedeutet soviel wie „die Vereinigung von zwei Flüssen“.

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Da aus diesen beiden Flüssen ja scheinbar der Ganges entsteht erklärt sich dann auch das „holy“ vor dem Sangam. Bevor wir jedoch eine Stelle fanden um uns abzukühlen befuhren wir eine Passstraße. Kein Verkehr und wunderbar zu fahren. Immer höher und höher schlängelte sich die kleine Straße den Berg entlang und mein Herz wurde immer weiter. Es war als wären wir inmitten im Himalaya verschlungen. Diese riesigen Berge um uns herum und die beiden Flüsse plötzlich so winzig unter uns. Bei einem kurzen Stopp streckte ich leider unbedacht mein rechtes Bein aus und verbrannte mich am Auspuff. Peinlich und schmerzhaft. Naja das passiert, wenn man im Kleid Motorrad fährt.

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Die Aussicht war atemberaubend und nur vereinzelt sah man Häuser. Wir hätten die Straße endlos weiter fahren können, denn die Qualität war eine ganz andere als auf der Hauptstraße, welche wir zuvor befuhren. Da wir aber wieder zurück wollten mussten wir umdrehen. Unten am Fluss ergab sich dann auch endlich die Möglichkeit die Beine mal ins Wasser zu strecken. Kam meiner Brandblase ganz gelegen und mir auch, denn die Temperatur war wirklich intensiv.

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Nach einer kurzen Erfrischung ging es also wieder in Richtung Rishikesh und somit auch in Richtung meiner anstehenden Herausforderung. Während der Fahrt bemerkte ich schon, dass ich nicht so ganz gemütlich saß. Der Weg zurück gestaltete sich als wirklich unangenehme Sitzpartie. Der hintere Sitz war äußerst schmal und nicht unbedingt für so lange Touren ausgelegt. Ich konnte irgendwann nicht mehr sitzen und hatte noch nie so ein Gefühl von Erschöpfung in meinem Körper empfunden. Ab unterem Rücken schien alles taub zu sein und so ganz fit fühlte ich mich auch nicht mehr. Der Weg zog sich und trotz kleinerer Pausen zwischendurch half mir nichts. Ich biss die Zähne zusammen und wir fuhren so schnell es ging. In Rishikesh angekommen parkten wir das Motorrad und begaben uns zu einem netten Lokal, welches wir bereits kannten. Dort konnte man glücklicherweise liegen, denn man sitzt auf dem Boden, welcher mit gemütlichen Kissen gepolstert ist. Kaum dort angekommen war mir ganz anders. Ich war fix und fertig, konnte nur liegen, mein Essen konnte ich nicht anrühren und mir war schummrig und schlecht. Zwei Stunden später waren wir dann in unserer Unterkunft und nach einer Dusche lag ich regungslos im Bett und dämmerte weg. Eine Hand auf meiner Stirn weckte mich auf und zwei besorgte Augen schauten mich an. „Sina du glühst“ sagte Axel besorgt. Das stimmte. Ich war am glühen wie ein Ofen. Das Fieberthermometer zeigte an die 40 Grad an. Gleichzeitig war mir eiskalt. Hitzeschlag war meine Diagnose. Mein gesamter Körper war auf den Kopf gestellt und ich konnte weder essen noch gut trinken. Die gesamte Nacht bedeckte mich Axel immer wieder mit nassen Handtüchern, welche innerhalb von Minuten wieder trocken waren. Fieber halt, was soll man schon groß machen. Also blieb ich für 1,5 Tage in diesem Bett und konnte nicht viel machen außer das Fieber senken. Kurz um: den ersten Tag meiner Ausbildung verpasste ich, da ich mich Samstags noch nicht in der Lage fühlte mich irgendwohin zu bewegen. Sonntags war der erste Tag, welcher mit einer Feuerzeremonie begann und die Schüler sich kennen lernten. Demnach verpasste ich also nicht zu viel. Nach einem ruhigen Tag und den ersten Gehversuchen machte ich mich Sonntag am frühen Abend dann auf den Weg zu meiner Yoga-Schule. Axel und ich verabschiedeten uns lachend und mussten über diese spezielle gemeinsame Urlaubswoche schmunzeln.

Nun begann mein drittes Kapitel in Indien – ohne Begleitung und ohne Umherreisen. Zwei Monate mit mir noch unbekannten Menschen in einer Schule und einem festgelegten Stundenplan. Wie sehr hatte ich mich auf diese Zeit gefreut.

2 Comments on “Sechs. Rishikesh – du heilige Herausforderung.

  1. Sooooooooo wunderbar geschrieben, ich kann die Fortsetzung kaum erwarten, Sina, du hast wirklich Talent, ja, nicht nur fürs Schreiben wohlbemerkt…. Liiiieeeeebe zu dir❤️

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