Zwischen Anfang und Ende.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Da hat der liebe Hesse wohl Recht. Und jedem Ende auch. Die Sinne sind geschärft, die Wahrnehmung ist klar und es herrscht eine andere Wertschätzung. Manchmal wissen wir nur nicht, wann etwas endet, wie etwas endet oder ob etwas überhaupt endet. Manchmal ist es ein fließender Übergang , doch oft genug auch sehr plötzlich. Gibt es überhaupt Anfang und Ende oder ist letztlich alles rund? Ich bin für die runde Sache. Denn kein Abschied ist für immer und ebenso kein Anfang. So viel zu meinem Intro, welches durch den Titel entstand. Denn die letzte Zeit kann ich schwer in einen Titel packen. Shiva ist mir noch vertrauter geworden.

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Ich habe an der heiligen „Aarti-Zeremonie“ am Ganges teilgenommen und verlinke mal ein Youtube-Video bzw. einen Live-Mitschnitt.

Es wurde viel geturnt, ausprobiert, gelacht und gemeinsam gelernt. Die Dankbarkeit für meine Zeit hier ist unendlich und ich weiß, dass diese Erfahrung nicht selbstverständlich ist.

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Es klopft an der Tür. Aber ich möchte nicht aufstehen und auch nicht reden. Es klopft noch einmal. Ich stehe auf und strecke meinen Kopf aus der Türe. Mein Mitschüler steht vor mir und fragt mich, ob ich mit den anderen mitgehen möchte und was meine Pläne sind für den freien Sonntag. Nein- ich hab keine Lust mitzugehen. Ich möchte heute keine Menschen um mich haben und auch nicht weit durch die Gegend laufen. Vor allem möchte ich einfach mal für mich sein und nicht im Rudel. Der Tag heute hat um drei Uhr begonnen. Das frühe Aufstehen bereitet mir sehr viel Freude. Es ist vergleichsweise „frisch“, ruhig und dunkel draußen. Um vier Uhr haben wir uns auf den Weg gemacht und sind zu einem Berg-Tempel gefahren. Von hier aus konnten man den magischen Sonnenaufgang bestaunen.

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Das war wunderschön und natürlich prall gefüllt mit Touristen. Generell ist der Juni ein überfüllter Monat in Rishikesh. Ab Juli geht die Schule und die Regenzeit wieder los. Demnach wimmelt es hier derzeit vor lauter Familien und pilgernden Menschen. Yoga-Touris sind hier ja so oder so immer. Jetzt bin ich in meinem Zimmer und genieße einfach mal das Nichts. Ich fühle mich hier unfassbar wohl und liebe den täglichen Stundenplan, die gemeinsame Zeit mit Menschen und das aktiv sein. Aber einmal in der Woche tut es auch gut mal nichts geplant zu haben und nicht permanent in Gesellschaft zu sein. Ich hatte vor zwei Tagen schon mal so einen Tag und hab dann auch in meinem Zimmer gegessen. Vor einer Woche war hier Ausbildungs-Ende und dadurch auch ein Wechsel in der Besetzung. Natürlich war das auch emotional, denn nach einem Monat wächst man doch schon eng zusammen und irgendwie war die Truppe auch sehr besonders. Nachdem am Montag dann alle ausgeflogen waren in Richtung neuer Abenteuer, waren es nur noch der 17-jährige Ishan und ich, die hier blieben. Achso und Thuli aber sie nimmt nur sporadisch am Unterricht teil und wohnt einfach noch was in der Schule. Doch bereits am Montag trudelten schon die ersten neuen Mitbewohner ein. Nun sind hier England, Italien, Deutschland, Indien und die USA vertreten. Wobei ich gemerkt habe, dass ich die Frage „where are you from“ inzwischen nicht mehr so gerne stelle oder beantworte. Es ist doch auch wieder ein „in Schubladen“ stecken. Ich persönlich begegne Menschen aus Deutschland mit einer gewissen Distanz, wenn ich im Ausland bin. Deutsch reden möchte ich dann auch nicht. Würde ich nicht wissen, wo sie herkommen, wäre mein Umgang anders und definitiv offener. Wohingegen mich die Antwort „I´m from Australia“ schon mehrmals zu Tränen rührte. Hawaii und Südamerika weckten Neugierde und auch Freude in mir. Woher also diese unterschiedlichen Regungen, die dann im ersten Moment auf die Person projiziert werden? Und genauso regungslos antworte ich dann eben auch „I am from Germany.“ Natürlich ist es interessant zu erfahren, welche Kulturen aufeinander treffen aber letztlich ist es auch wieder ein Einordnen. So- ein kurzer Gedankenexkurs. Also die Truppe ist neu gemischt und seit Donnerstag dem 06. Juni hat der neue Ausbildungs-Monat begonnen. Für Ishan und mich ging es mit der 300 Stunden Ausbildung weiter, die dann in einem Monat die 500 Stunden -Ausbildung vervollständigt. Die Anderen machen die 200 Stunden-Ausbildung. Einige Unterrichts-Einheiten haben wir gemeinsam. Die Fächer Philosophie, Anatomie und die abendliche Yoga-Stunde unterscheiden sich für uns. Man verbringt also bis auf ein paar Pausen den Tag gemeinsam. Der Wechsel der Gruppe hat für mich auch eine Veränderung, der vorherrschenden Energie mit sich gebracht. Nun bin ich ein „alter Hase“ und mehr in der aktiven als passiven Rolle. Konnte ich vorher doch mehr observieren bin ich nun eher mal gefragt oder gebe Tipps. Ishan blüht immer mehr auf und weicht mir selten von der Seite. Er ist wie ein kleiner Bruder aber auch von kleinen Brüdern braucht man ab und an mal eine Pause.

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Eine Herausforderung für mich, denn ich brauche meinen Raum und er schafft es immer wieder die unsichtbare Linie zwischen Nähe und Distanz zu überschreiten. Er ist für mich mit einer meiner Lehrer hier, unbewusst. In den ersten Wochen wusste ich nicht mit ihm umzugehen und er hat mich wirklich schnell auf die Palme gebracht. Nach und nach habe ich jedoch verstanden, dass alles was mich an ihm aufgeregt hat, letztlich meine eigenen Anteile waren. Und so ging es mir hier mit jeder Person. Immer dann, wenn mich etwas genervt oder aufgeregt hat, hab ich kurz Inne gehalten und musste dann schmunzeln. Wie gut kann man durch noch unvertraute Menschen lernen. Nach dieser Erkenntnis stellte sich bei mir eine Ruhe ein und auch eine Neugier auf all das, was mich zukünftig noch aus der Fassung bringen wird in diesem Rahmen.

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Fokus und Konzentration. Zwei so mächtige und wichtige Dinge. Und wie schnell werden sie durch unsere Gedanken ins Wanken gebracht. Immer mehr kann ich meinen Verstand kontrollieren und erfahre dadurch sehr viel Frieden. Man muss nicht immer alles wissen, sehen oder erfahren. Immer mehr genieße ich die Zeit, in der meine Augen bewusst geschlossen sind. Mein Bedürfnis nach Schlaf hat sich verändert. Fiel es mir sonst sehr schwer morgens aufzustehen oder generell aus dem Zustand des Schlafes zu erwachen und voller Freude auf einen neuen Tag zu sein – kann ich es nun abends kaum erwarten wieder aufzuwachen. Nicht erschöpft und das bei teilweise nur 4-5 Stunden Schlaf. Hieß es doch immer ich benötige mindestens 8 Stunden. Dem war auch so. Wieso hat sich das also zum Beispiel verändert? Mein Tag ist nicht weniger anstrengend als zuvor. Er ist durchgetaktet und verlangt mir einiges an mentaler und körperlicher Anstrengung ab. Gewiss wird mir einiges an täglichen Aufgaben abgenommen und der Rahmen in dem ich mich befinde ist sehr wohltuend. Trotzdem frage ich mich, wieso ich erst jetzt lerne, wie man sich ohne Geld oder große Mühen, so bereichern kann. Klar kann man sich denken- Sina ist jetzt im Yoga-Film und alles ist furchtbar blumig, leicht und wunderbar. Aber ich lerne hier Dinge kennen oder entdecke sie wieder, die nicht neu erfunden wurden. Dinge, die es immer schon gab und für jeden zugänglich sind. Dinge die längst aufgeschrieben und vermittelt wurden und doch nicht für uns zugänglich sind in beispielsweise Deutschland. Also wovon spreche ich? Ich spreche von der Kraft des Atmen, Sauerstoff, der viel zu wenig in unserem Körper ankommt und uns so gesund halten und machen kann. Ich spreche von der Möglichkeit Inne zu halten, der Möglichkeit den Körper auf natürliche Weise zu reinigen, angemessen und im Einklang zu essen, ganzheitlich behandelt zu werden und im Falle einer Krankheit im Tempo des Körpers zu heilen. Ich spreche von der Kraft der Vibration, der Stimme, dem Gesang und bestimmten Lauten. Mantren. Eine so eindrucksvolle Kunst und für jeden Menschen zugänglich. Die Wirkung, Auswirkung und Heilung durch und mit Mantren ist überwältigend. Hier wird überall gesungen und getanzt. „Ich kann nicht singen oder tanzen“ hab ich noch keinmal gehört. Es gehört dazu und steckt an.

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Und während ich diese Dinge aufzähle möchte ich keinen Vergleich ziehen oder sagen „das ist gut und das ist schlecht“. Nein. Solche Konversationen habe ich selbst erlebt, in denen gegen Deutschland oder den Westen gewettert wurde und Indien oder die östliche Welt so viel besser ist. Besser oder schlechter gibt es nicht und durch Vergleiche erzielt man keinen Austausch sondern nur Konfrontation und Frustration. Mein Wunsch wäre es, so viel wie möglich von dieser Kultur und diesem Wissen in die westliche Welt zu integrieren. Ebenso wie die westliche Welt sich auch in Indien bemerkbar macht. Es gibt immer zwei Seiten und dazwischen viele viele Farben.

Ein Diktiergerät für Gedanken wäre wunderbar. Wie oft habe ich Texte bereits gedanklich fertig geschrieben in etlichen Situationen… und dann ist es schon wieder weg. Mein Eindrücke sind nicht einzufangen und das gilt auch für dieses Land. Es reizt mich mehr zu sehen und zu erleben in Indien. Trotzdem ist meine derzeitige Tendenz, noch ein wenig in Rishikesh zu bleiben nach dem zweiten Monat der Ausbildung. Wie das in einem Monat aussieht werde ich ja dann sehen aber ich möchte all die Zeit nicht so verpuffen lassen. Auf Reisen ist es schwierig Routinen einzuhalten oder eine tägliche Praxis aufrecht zu erhalten. Deswegen möchte ich gerne noch ein wenig verweilen, sacken lassen und intensivieren. Mal sehen was so geschieht.

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Ansonsten ist es hier stetig heiß. Angenehme 40 Grad aufwärts erfrischen uns täglich. Aber der Wind in Form von Föhn Luft erleichtert einem das Atmen in der staubtrockenen Luft. Haha. Man gewöhnt sich tatsächlich an alles. Es ist auf jeden Fall günstiger als Sauna und so lange man genug trinkt und sich nicht unmittelbar für längere Zeit in der Sonne aufhält ist es auch machbar. Vor einigen Tagen hat es dann mal ordentlich gewittert und geregnet. Da haben Ishan und ich doch glatt einen kleinen Regentanz auf dem Dach aufgeführt. Ein unfassbar befreiender Moment. Singen und tanzen unter freiem Himmel, ohne Scham und sogar nüchtern. Neben mir der 17 jährige Ishan, ebenso frei und laut singend. Anschließend schauen wir den Himmel an und er sagt einfach nur: „Now I am really happy Sina.“

Ja, genau diese kleinen Momente in unserem Leben. Ganz gleich wo, mit wem oder wann. Immer wieder haben wir dieses kleine Sekundenglück. Nicht zu beschreiben und unvergleichbar. Genau diese kleinen Momente, die für jede Person unterschiedlich sind, gilt es wahrnehmen zu können, denn das ist unsere innere Freiheit.

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