Reinigung.

Knapp 2,5 Liter lauwarmes Salzwasser habe ich in weniger als zwei Minuten hinunter gestürzt. Während ich laufe und wirr nach einer ruhigen Ecke suche fühle ich mich wie beim Staffellauf. Wo kommt dieser unbändige Ehrgeiz her? Es ist sechs Uhr morgens und ich gebe alles, ja wirklich alles um mich jetzt freiwillig zu übergeben beziehungsweise das Wasser, welches ich so eilig getrunken habe wieder los zu werden. Mein Einsatz hat sich von der ersten bis zur letzten Sekunde gelohnt – alles was ich getrunken habe konnte ich erfolgreich in den Vorgarten der Yogaschule zurück geben – Kreislauf des Lebens und so. Ja das war dann also eine der „Shatkarmas“. In unserer Pranayama Stunde lernen wir nämlich auch die verschiedenen Wege der Reinigung. Angefangen haben wir mit der klassischen Nasendusche „Jala Neti“. Das war relativ einfach und auch lustig. Endlich verstehe ich meinen Papa, der das glaube ich schon immer gemacht hat, wenn er erkältet war. Die Steigerung hierzu stellt dann die Variante „Gummischlauch durch die Nase“ dar. Daran bin ich bisher gescheitert. Im Folgenden werde ich die verschiedenen Shatkarmas kurz erläutern.

Der heutige Tag war dann eine Steigerung zu dem Montag. Wobei ich noch hinzufügen möchte, dass ich mich nach der Salzwasser Be- und Entladung wirklich gut gefühlt habe. Ich war anfangs sehr skeptisch und habe dann jedoch verstehen dürfen, welche positiven Effekte dieser Vorgang haben darf. Meine Mitstudentin Thuli hat berichtet, dass diese Reinigungsmethode auch bei ihr in Südafrika gängig ist.

Also heute habe ich auch wieder etwas in mir aufgenommen und zwar eine langes Stück Baumwolle. Quasi ein Stofftuch in der Länge und Breite eines Verbands. 4Cm breit und einige Meter lang. Dies galt es zu schlucken. Die ganze Woche hatte ich mich darauf gefreut und dieser seltsame Ehrgeiz war auch wieder da. Die Theorie las sich super und in meiner Vorstellung sollte es ein Klacks sein. Ist ja nicht so als würde ich ungerne essen, da kann man sich auch mal mit einem Stück Stoff anfreunden. Mund auf- Verband rein. Herrje war das ein Akt. Als hätte man eine Spaghetti im Hals hängen und bekommt sie nicht raus und nicht runter. Gegen das Würgen musste ich „ankämpfen“, da mir sonst meine hart „erschluckten“ Centimeter verloren gingen. Als unsere Zeit dann um war und ich aufgefordert wurde den Stoff langsam heraus zu ziehen war ich doch sehr erstaunt, wie viel Stoff da letztlich aus meinen Tiefen heraus kam. Ich freue mich tatsächlich auf nächste Woche, wenn ich diese Aufgabe wieder antreten darf.

 

Shatkarma

„Shat“ bedeutet sechs und „Karma“ bedeutet Aktion. Es geht also um sechs verschiedene Aktionen der Reinigung. Da es im Yoga darum geht sich von „Unreinheiten“ auf allen Ebenen zu befreien, zählen die körperlichen mit zu den ersten sowie auch kontinuierlichen Handlungen. Wobei ich hinzufügen möchte, dass es hier um keine dogmatischen Vorschriften geht. All das sind Angebote und Möglichkeiten des (Hatha-)Yoga jedoch keine Pflichten oder Vorschriften. Es geht primär darum die beiden Energie-Bahnen (Ida und Pinglar) in Balance zu bringen. Runtergebrochen sind das unsere Luftbahnen als Atemzugänge in Form unserer Nasenlöcher. Wenn man jeweils ein Nasenloch zuhält und atmet wird man feststellen, welche Seite derzeit aktiver ist. Ida und Pinglar stehen für Sonne und Mond und die damit verbundenen Charaktereigenschaften von Ruhe und Aktivität.

 

1. Neti für den Nasenbereich

Nasale Reinigung durch die Nasendusche oder die Reinigung durch einen feinen Gummischlauch. Dieser wird durch die Nase eingeführt und kommt dann im Rachen wieder heraus. Durch das Greifen beider Enden kann man mit vorsichtigen Bewegungen den Schlauch hin und her bewegen und somit den inneren Nasenkanal reinigen. Es geht bei diesen Praktiken darum den (giftigen) Schleim zu lösen.

2. Dhauti für den Magen

Bei Dhauti handelt es sich um drei verschiedene Möglichkeiten den inneren Trakt zu reinigen. Abführend, mit einem Stofftuch, erbrechend oder auch mit Luft. In meinem Fall mit dem Wasser geht es darum abgesetzte Gifte aus dem Magenbereich zu lösen. Deswegen wird auf nüchternen Magen Wasser getrunken, welches dann direkt im Anschluss wieder losgeworden wird. Hierbei wird jedoch nicht die ätzende Magenflüssigkeit provoziert, da sich nichts im Magen befindet, was zersetz werden muss. Darin bestanden zuerst meine Zweifel, da ich den Vorgang an sich nicht mit etwas Gesundem verbinde. Nach dem Vorgang jedoch hab ich mich super gefühlt und den Effekt verstanden. Die Stofftuch-Variante hatte ich ja bereits erläutert. Auch hier geht es um die Reinigung des Magens. Die erweiterte Variante ist, wenn das Tuch komplett im Magen angekommen ist, den Magen von Innen zu massieren. Das nennt sich dann Nauli. Es gibt noch weitere Dhauti-Reinigungen, die sich speziell auf die Kopf-Region beziehen ( Zähne, Zunge, Ohren, Stirnbereich).

3. Nauli für die Organe der Bauchhöhle

Nauli beschreibt die innere Massage der Bauchmuskulatur. Es sieht wirklich verrückt aus, wenn man sich anschaut. Man kann die inneren Organe richtig tanzen lassen. Allerdings bedarf es hierzu ein wenig Übung. Verbunden mit dem Stofftuch im Magen kann man so wohl eine ganzheitliche Reinigung erzielen. Das Stofftuch wird natürlich wieder heraus gezogen.

4. Basti für den Darm

Die Theorie für Basti ist Folgende: Es wird Wasser durch den Anus eingesaugt und für eine gewisse Zeit einbehalten bevor man sich wieder erleichtern darf. Also quasi ein Einlauf ohne Hilfsmittel.

5. Kapalbhati für den Kopf und die Lungen

Eine Atemtechnik, die der Reinigung dient. Es wird primär mit der Nabelregion gearbeitet und hat eine sehr kraftvolle Wirkung.

6. Tratka für die Augen

Hier wird bspw. Eine Kerze so lange „angestarrt“ bis die Tränen fließen. Es soll nicht geblinzelt werden. Die so erzeugten Tränen reinigen den Augenbereich.


Neben der körperlichen aktiven Reinigung finden auch passiv so viele Reinigungen statt. Es ist kein offensichtliches Mitbekommen. Es geschieht ein wenig versteckt und kommt doch plötzlich um die Ecke. Die letzten zwei Tage haben wir morgens und abends intensiv die Hüfte gedehnt, geöffnet und mit der umliegenden Muskulatur gearbeitet. Für mich ist der Hüftbereich eine echte Herausforderung. Durch meine Verletzung am Hüftbeuger vor über sieben Jahren komme ich schnell an meine (Schmerz-) Grenzen. Abgesehen davon merke ich, wie auch die anderen lieben Menschen mit mir, dass der Kraft- und Ausdauersport über die Jahre einiges verkürzt und verengt hat. Die Tänzer und Athleten unter uns haben weniger damit zu kämpfen. Eine sehr interessante Beobachtung zu sehen, wie man seinen Körper beeinflussen kann und man sich dann eines Tages auf der Matte befindet und durch all diese Jahre noch einmal hindurch geht. So fühlt es sich für mich an. Jahrelang in der Schule auf dem Stuhl hängen anstatt aufrecht sitzen, Joggen, Kraftsport, Kampfsport und nie richtig aufgewärmt oder gedehnt. All das wird mir immer mehr bewusst und mein Körper erzählt mir das in aller Deutlichkeit. Gleichzeitig bin ich beeindruckt, was die verschiedenen Haltungen bewirken können und was sich in den letzten sechs Wochen bereits verändert hat in meinem Gefühl und der Ausführung. Nun also zurück zu der Hüfte. Nach dem Nacken der zweitgrößte Bereich, in dem sich Emotionen absetzen. Mir sind die Auswirkungen von Hüf-öffnenden Übungen schon mehrmals begegnet. Ich erinnere mich an eine Yin-Yoga Stunde mit meiner Freundin Laura. Man verweilt beim Yin-Yoga für mehrere Minuten in einer Position und erreicht somit auch eine Dehnung der Faszien. Jedenfalls schauten wir uns irgendwann beide an und es kullerten die Tränen. Wir konnten keinen Auslöser festmachen, keine Erinnerung oder einen speziellen Gedanken aber es löste sich etwas in uns. Und dafür braucht man keinen ruhigen mit Kerzenschein- durchfluteten Raum. Das kann auch bei 35Grad Raumtemperatur, praller Sonne und einer zackigen Ashtanga-Stunde passieren. So erging es mir gestern und ich war überwältigt von dem was ich fühlte und doch nicht beschreiben konnte. Es kamen ein paar Bilder, welche ich dann auch Nachts in meinen Träumen aufgriff, aber an sich war es einfach ein inneres Auflockern. Unbeschreiblich dieses Gefühl. Schließlich kann man Emotionen in keinem medizinischen Scan sehen. Und doch sitzen sie überall. Jedes Gefühl in uns, jede Emotion kann sich festsetzen und uns auch blockieren. Sogar Herzmauern bilden, wie ich vor vier Jahren lernen dufte durch den „Emotions-Code“.

Mir kam dieses Erlebnis gestern vor wie eine stumme Dalmanuta-Meditation. Bilder und Gefühle kommen, sie werden gesehen und dann geht es weiter. Kein Verharren in einem Drama oder nostalgischen Erinnerungen. Es fließt und geht weiter. Ein schönes Erleben, da ich früher doch sehr an Erinnerungen festgehalten habe und mich der Nostalgie voll hingegeben habe. Auch wenn wir hier nicht so viel die inneren Prozesse besprechen, so merkt man doch, dass in allen Ähnliches vor sich geht. Es werden so viele Themen angestupst und in Gang gebracht. Vor allem sind eigentlich alle aus der neuen Gruppe richtig krank geworden. Es ist halt auch echt nicht so vorteilhaft im Mai/Juni hier zu sein und die Ausbildung zu machen. Auch unsere Lehrer sind teilweise krank geworden. Die Hitze ist enorm und der Monsun hat 20 Tage Verspätung. Keine Ahnung wieso der so trödelt 😀 Naja jedenfalls ist das dann eine besondere Herausforderung für den Körper so intensiv zu arbeiten, wenn innerlich ja auch der ein oder andere Prozess abläuft.

Ich wünsche euch allen eine tolle Vollmond-Nacht.

Gestern Abend lagen mein kleiner Bruder-Freund-Guru Ishan und ich auf dem Dach und haben bei 30 Grad mit Musik den beinahe vollständigen Mond betrachtet.

„Sina close your eyes. I will heal you“ bekam ich irgendwann als Ansage. Und dann lag ich da mit geschlossenen Augen und der 17-jährige Ishan hat dann in seiner wundervollen Stimme ganz laut immer weiter ein Mantra für mich gesungen. Ein Mantra speziell für Heilung. Sehr aufmerksam von ihm, denn zuvor ließ ich verlauten, dass mir alles weh tut 😀

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