Neubeginn.

Wie vor drei Monaten sitze ich hier mit meinem immer noch viel zu großem Laptop und stehe wieder vor einem neuen Kapitel. Diesmal ist das neue Kapitel jedoch nur fünf Minuten entfernt und kein allzu großer Unterschied wie vor drei Monaten. Das bereits drei Monate vergangen sind ist mir eben bewusst geworden als ich nicht mehr telefonieren konnte, da meine Sim Karte neu aufgeladen werden muss. Es fühlt sich alles viel länger und doch so kurz an. Vor allem aber absolut chaotisch. Ich dachte ja nach zwei Monaten Yoga-schule, geregelten Tagesabläufen und einer intensiven Praxis bin ich absolut klar und leicht. Weit gefehlt. Die zwei Monate Ausbildung waren für mich ein persönliches Chaos, welches mich durch seine Struktur nicht den roten Faden hat verlieren lassen. Nun bin ich ja bereits von den Reiki-Seminaren gewohnt, dass man solch intensive Zeiten schlecht beschreiben kann und sich auch darin übt, Menschen intensiv kennen zu lernen. Jedoch war es hier dann doch wieder eine andere Hausnummer. Also warum war es ein Chaos?

Zum einen habe ich / haben wir unsere Ausbildung in den zwei heißesten Monaten des Jahres absolviert. In den Lehrbüchern steht sogar geschrieben, dass man eine intensive Praxis nicht zu den heißesten oder kältesten Jahreszeiten beginnen sollte. Es gab für mich kein durchgängig stetiges Level, was meine Kraft angeht. Jeder Tag war so anders und meistens eine echte Herausforderung. Der Körper hatte echt zu kämpfen mit den Temperaturen und der stetig ansteigenden Praxis. Die zweite Gruppe war komplett krank. Der Unterschied von europäischen Temperaturen und Begebenheiten zu Indien in diesen Monaten ist enorm. Die Personen aus der zweiten Gruppe kamen auch quasi alle nur für die Ausbildung, sodass sie keinerlei Eingewöhnungszeit vorab in Indien hatten. Es wurde sich also von Beginn an umeinander gekümmert und es herrschte eine sehr süße Stimmung miteinander. Parallel wusste ich manchmal nicht so recht, wo und wie ich stehe. Schließlich war ich jetzt mit Thuli und Ishan „ein alter Hase“ und von uns dreien auch die Präsenteste. Thuli wohnte weiterhin in der Schule aber nahm nur sporadisch am Unterricht teil, da sie sich anderen Dingen widmete. Und mein kleiner Ziehbruder ist ja sehr schüchtern und spricht weniger. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht den Besserwisser raushängen lassen. Also balancierte ich zwischen Tipps geben und mich in die neue Gruppe einfinden ohne sie mit der vorigen Gruppe zu vergleichen. All diese zwischenmenschlichen Prozesse, die geschehen, wenn man plötzlich zusammen wohnt und eigentlich alles miteinander teilt, können so intensiv belebend wie auch anstrengend sein. Über die Intensität ist man sich nicht so bewusst aber sie ist spürbar und ich habe einige spannende Dinge lernen und beobachten dürfen. Ich habe auch noch nie eine so offene Kommunikation über die Verdauung und alle damit verbundenen Funktionen erlebt, wie in den zwei Monaten. Das war wohl den Umständen bedingt, dass das gemeinsame Essen oder auch die Unterrichtsstunden oft durch ein plötzliches Aufspringen einer betroffenen Person unterbrochen wurde. Oft lag eine von uns am Rand und hat halb dem Unterricht folgen können, da der Körper einfach zu schwach war um teilzunehmen. Die Herausforderung für einige stellte genau das dar, Schwäche zulassen und auch dem Körper die entsprechende Ruhe zu gewähren. Natürlich ist das ärgerlich, wenn man nur einen Monat Zeit hat und an dem einzig freien Tag nicht alles mitnehmen kann, was man möchte. Aber genau das, die Lehren zwischen den Unterrichtsstunden, sind wohl die lehrreichsten.

Also meine Vorstellung von einem geregelten Tagesablauf hatte sich bestätigt aber wie sich alles anfühlt und in welcher Kondition man das erlebt stellte sich als Chaos heraus. Aber vielleicht ist es gar kein Chaos sondern einfach der natürliche Fluss. Denn keiner von uns ist ein Roboter, weder hier in einer Ausbildung noch im geregelten Alltag. Die Herausforderungen und Ansprüche sind für jedes einzelne Wesen in jeder Sekunde unterschiedlich und man darf und sollte sanft mit sich sein. Natürlich muss man abwägen, was Faulheit oder Verdrängen ist und den Fokus und Ansporn nicht verlieren. Kontinuität ist ein so wichtiger Schlüssel meines Erachtens nach. Das hab ich schon vor sechs Jahren von einer Schlüssel-Person in meinem Leben gesagt bekommen. „Sina ohne Kontinuität und Disziplin wird sich nichts verändern.“ Und das ist mir hier wieder so sehr begegnet. Wenn sich etwas grundlegend und ehrlich verändern oder erweitern möchte, dann geschieht das nicht über Nacht. Es gibt keine Wunderpille für Körper, Geist oder Seele. Bleibt man kontinuierlich bei einer Sache oder Praxis, dann kann sich ein Raum der Entwicklung ergeben. Und ich spreche hier nicht nur von der körperlichen Praxis im Yoga – diese Kontinuität kann alles umfassen. Eben diese Regelmäßigkeit ist eine der größten Herausforderungen denke ich. Ich persönlich habe viele Dinge mit sehr viel Begeisterung angefangen und eben so spontan wieder aufgehört. Eben immer dann, wenn der Prozess langsamer, anstrengender oder gar unmöglich schien. Das Gefühl eben diese Schwelle zu überschreiten ist dafür um so schöner. Für diese Motivation bedarf es einiges an Mut, innerem Zuspruch aber auch der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Oft fällt es einem doch leichter etwas für andere zu tun als für sich selber. So konnte ich hier meine Energie oft unbemerkt wieder aufleben lassen, in dem ich mich um etwas kümmern konnte oder einfach aufgeräumt oder sauber gemacht habe. Durch das Tun veränderte sich meine Energie und ich konnte wieder aus eigener Kraft heraus mein Sachen weiter voran treiben.

Wir wurden gefragt, warum wir hier sind. Einige antworteten, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Was wir hier lernen und was ich auch bei Peter in der Ausbildung gelernt habe ist, dass du dich erst selber heilen darfst bevor du anderen hilfst. Jedoch heißt das nicht, dass man auf seinem Egotrip alleine von einer Selbstfindung zur nächsten stolpern muss. Ich glaube, dass jeder Mensch anderen Menschen helfen kann bei eben genau den Themen, die er oder sie durchlebt und gemeistert hat. Auf dem Weg der Selbstheilung darf man aber helfen und die Liebe verteilen. Im Sinne der Nächstenliebe. Jede Tat und Begegnung mit einer bewussten Wahrnehmung und Wertschätzung erleben. Hinschauen, wo man auch in einer noch so klein scheinenden Situation helfen kann. Ich für meinen Teil war in unserer Schule viel mit Käfern beschäftigt. Da wir überall offene Türen vom Balkon hatten kamen viele Insekten herein, manchmal auf eine Katze oder die Affen. Jedenfalls waren diese Käfer sehr ungeschickt im Treppe krabbeln oder purzeln, sodass auf jeder Stufe ein strampelnder Käfer lag. Kaum hatte ich den einen umgedreht lag der andere wieder auf dem Rücken. Ameisen, die im Honig oder Wasser ertranken… es gab viel zu tun. Einfach als ganz simples Beispiel: Nur weil ich auf meinem eigenen Heilungs-Weg bin, heißt es nicht, dass ich blind durch die Welt laufen muss und keine Zeit für andere Lebewesen habe. Zudem glaube ich, dass jeder Mensch bis zum ende der physischen Existenz auf einer Art Heilungs-Weg ist. Und hier sehe ich das Wort „Heilung“ als eine Reise und nicht als negativ behaftetes Wort. Vor der Geburt sind wir vollkommen, kommen als reines und so weises Wesen auf die Welt und dann verlieren wir nach und nach einiges unserer Fähigkeiten, erfahren Verletzungen und Traumata. Der Heilungsprozess stellt für mich den Weg der Entfaltung der eigenen Fähigkeiten dar. Viele Fähigkeiten können wir erst durch Verletzungen entdecken. Kaum ein Lerneffekt konnte statt finden, weil alles wunderbar war. Und so durfte ich zwei Monate lang unterschiedliche Menschen kennen lernen, ihre Geschichten erfahren und sie umso besser verstehen. Das lernen an den Menschen selber war unglaublich. Manchmal hab ich mich wie in der Trueman-Show gefühlt. Als wäre jeder einzelne Charakter und die entsprechende Situation so konzipiert worden, damit Sina einen intensiven „AHA-Moment“ erleben darf.

Wie waren eigentlich unsere Lehrer?

Unsere Lehrer sind alle in Indien geboren und habe die unterschiedlichsten Wege beschritten.

Devendra Ji ist 28 Jahre alt und unterrichtet Hatha-Yoga und Ashtanga-Yoga.

Bhavesh Ji ist 30 Jahre alt und unterrichtet Pranayama.

Mandeep Ji ist 35 Jahre alt und unterrichtet Mantra. Er ist auch derjenige, der unsere Zeremonie zu Beginn und Ende der Ausbildung gestaltet und begleitet.

Vishnu Ji ist 22 Jahre alt und unterrichtet uns, wie man Korrigiert und ausrichtet in den Körperübungen.

Latta Ji ist 30 Jahre alt und sie unterrichtet uns in Anatomie.

Nitin Ji ist 31 Jahre alt und unterrichtet uns in Philosophy.

Ankit Ji ist 23 Jahre alt und unterrichtet Hatha-Yoga.

 

Wieso steht da ein „Ji“ hinter jedem Namen? Nitin hat uns zu Beginn beigebracht, dass das eine Ergänzung an den Namen ist um Respekt zu zeigen. Also wird hier jeder und jede mit einem Ji an den Namen angehangen angesprochen. So klingt eigentlich jeder ziemlich niedlich, wie ich finde. Also alle Menschen hier grüßen sich so. Das macht es ziemlich leicht, wenn man den Namen nicht weiß oder in ein Geschäft rein geht. „Namasté Ji“ und es ist gleich eine herzliche Begrüßung.

Man kann hier in Indien Yoga studieren. Vishnu zum Beispiel hat bereits mit 16 studiert. Seinen Bachelor hat er in „something with Computers“ gemacht. Nachdem er dann 6 Monate in Delhi gearbeitet hat, hat er gemerkt, dass das gar nichts für ihn ist und er Rishikesh und die Berge vermisst. Also ist er zurück und hat sich mit Yoga beschäftigt und dann seinen Master in Yoga gemacht. Die Studienkosten sind für uns wirklich mehr als erschwinglich und wir bekamen alle leuchtende Augen als er mehr von dem Studium erzählte. Der Stundenplan ist absolut nicht ohne und zusätzlich noch Zeit und Energie für die eigenen Praxis aufzubringen bedarf viel Disziplin. Aber alle unsere Lehrer, ob mit Studium oder nicht, sind mit dem Herzen dabei und das merkt man so sehr. Auf unterschiedlichsten Wegen zu diesem Lebensweg gekommen und alle gestalten es individuell und unterrichten eben auch genau so. Ankit zum Beispiel hat vor zwei Jahren begonnen zu praktizieren und hat nie eine Ausbildung oder ein Studium absolviert. Er praktiziert jedoch seither jeden Tag bei und mit seinem Guru / Lehrer und sein Unterricht ist wunderbar. Was ich sagen will: Solange man mit dem Herzen dabei ist und man sein Tun liebt, dann ist der Aufwand überwindbar und die Methode nicht von Bedeutung.

Gleichzeitig ist es spannend zu beobachten wie die „Lehrer“ ihr Leben hier in Rishikesh verbringen und wie getaktet ihr Leben durch die „Arbeit“ ist. Auch sie sind alle Menschen und haben ein normales Leben und erleben Gefühle. Das war mir zu Beginn irgendwie nicht so bewusst. Also zurück zum Chaos… zwischen Mitschülern, Lehrern, Gefühlen, Krankheiten, Gefühlen, Prozess und Lernen sind zwei Monate vergangen und am 02. Juli 2019 hatten wir unseren letzten gemeinsamen Tag in der Schule. Abgeschlossen mit einer wunderbaren Zeremonie mit Mandeep. Es war ein emotionaler Abschied für einige. Es sind mal wieder Thuli, Ishan und Sina, die nach wie vor in Rishikesh bleiben.

Zudem sind aber aus der ersten Gruppe auch Mariana und Violetta zurück gekommen. Die beiden waren über einen Monat in den Bergen und in Nepal unterwegs. Bevor es für sie weiter auf ihrer Reise geht kamen sie nochmal für einen Monat zurück nach Rishikesh.

„Wieso bleibst du eigentlich in Rishikesh“ fragte mich mein Papa. Tja wieso bleibe ich hier? Ich möchte nicht überstürzt losreisen und all das nicht richtig sacken lassen können. Ich möchte nicht nach all der geregelten Praxis zu einem ungeregelten Tagesablauf übergehen. Ich fühle mich sehr wohl hier und habe einen tollen Übergang gefunden. Gemeinsam mit Violetta teile ich mir nun ein Zimmer in einer anderen Yogaschule. Nur fünf Minuten von unserer alten Schule entfernt. Ich liebe die dörfliche Atmosphäre hier oben und die tolle Aussicht auf die nun grüner werdenden Berge. So langsam geht die Regenzeit los und heute ist der erste Tag an dem ich noch nicht geschwitzt habe 😀 Und das seit drei Monaten. In dieser Schule unterrichten einige unserer alten Lehrer und wir können dort wohnen und an allen Klassen teilnehmen. Jedoch haben wir keinen Druck teilnehmen zu müssen. Jeden Tag können wir also Stunden ausprobieren und den Tag eigens strukturieren. Der Stundenplan ist jedoch echt verlockend und ich bin noch dabei zu filtern, was ich täglich machen möchte ohne den ganzen Tag mit Unterricht zu verbringen. Natürlich kann man viel lernen aber es ist auch sehr bequem sich durch den Tag strukturieren zu lassen. Mein Fokus wird nach wie vor auf der täglichen praktischen Praxis liegen sowie Philosophy und Pranayama. Mal sehen was sich als eigen Studium und Praxis heraus kristallisieren wird. Der Unterricht hier ist jedoch deutlich intensiver und lehrreicher als in der Schule zuvor was den praktischen Anteil angeht. Ich bekomme hier mehr beigebracht, was ich als lehrende Person beachten kann und wie ich unterrichten kann. Es ist also eine perfekte Ergänzung zu meiner Ausbildung zuvor. Es gibt Momente in denen mich hier einiges an Informationen überflutet und ich gar nicht weiß wohin mit meiner Begeisterung und meinem Interesse. Wie bereits von zwei Monaten erwähnt fühle ich mich immer noch wie eine kleine Raupe, die an einem winzigen Blatt eines ganzen Baumes nagt. Und doch fühlt es sich so an als wäre dieses ganze Wissen bereits tief in mir und in allen Wesen verankert. Kaum verlässt man die Unterrichtsstunde ist es umso herausfordernder in eigener Regie dran zu bleiben und das gelernte für sich zu sortieren. Es ist ein langsamer Prozess, der sich in kleinen Situationen zeigt und festigt denke ich. Zu all diesen Erlebnissen kommt auch immer mehr ein realistischer Blick auf den Yoga-Tourismus und die Branche und eben auch die Schattenseiten, die dazu gehören. Eben solche Erfahrungen oder Vergleich kann ich jetzt nach zwei verschiedenen Schulen ziehen und wenn ich mich auf weitere Pfade begebe kann ich wieder neue Vergleich ziehen.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderbaren Sonntag. Bis bald.

 

Ein paar Eindrücke der letzten Wochen:

 

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort…

Diesen kleinen Freund konnte ich aus dem Wasserfall retten. Auf meinem Weg dorthin lachte mich ein Stock an. Ich hob ihn auf ohne den Zweck zu verstehen. Trug ihn mit mir bis ich an meinem kleinen Versteck am Wasserfall ankam. Dort saß ich und tankte Ruhe und Natur. Mir fiel ein kleines Fliegetier auf, welches wie wild um sein Leben kämpfte. Die Wassertropfen des Wasserfalls hatten es erwischt und außer Gefecht gesetzt. In diesem Moment machte der Stock Sinn und nach etwa 20 Minuten war sie getrocknet und konnte weiter fliegen.

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DK ist die liebevolle Seele des kleinen Cafés „Kings Cafe“. Beinahe jeden Tag kommt diese liebe Kuh und holt sich ihr Frühstück ab.

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Der tägliche Verkehr bleibt auch im ruhigeren Teil des Dorfes nicht aus…

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Ausflug zum Ganges am frühen Morgen…

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Rishikesh bei Nacht mit Blick auf die Brück „Laxman Juhla“

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Zwei Monate mit diesem Ausblick von diesem Balkon….

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