Neumond- Neubeginn

Der Vorhang weht hin und her, der kühle Wind erreicht mich durch das geöffnete Fenster. Es donnert in weiter Ferne und mein Blick streift die Berge. Die Aussicht hat sich nicht verändert- nur bin ich nun ein wenig Näher an den er-grünten Bergen. Hier und da höre ich Menschen vor dem Fenster, Kühe umher traben und Vögel lauthals diskutieren. Die wuselige Ruhe hat ein spontanes Ende. Laute indische Musik und das Trommeln von Sach so wie sein Gesang ertönen urplötzlich. Neuer Mitbewohner, neuer Abschnitt, neue Situation. Wobei eigentlich auch nicht so anders. Mit Violetta hatte ich immer Lateinamerikanische Musik und Gesang um mich. Mit Thuli habe ich so oft so lauthals gelacht… Zeit und Zimmer teile ich seit über einem Monat und zuvor war es ja auch eher eine riesige Wohngemeinschaft. Trotzdem…etwas ist seit drei Tagen schlagartig anders. Zum Einen habe ich das geregelte Schul-Leben verlassen und lebe nicht mehr nach vorgegebenem Stundenplan, ich bekomme nicht mehr drei Mahlzeiten serviert und ich habe mich kurzerhand für einen längerfristigen Plan entschieden. Eigentlich habe ich mich so ziemlich für Alles entschieden, was ich vor zwei Monaten vielleicht nicht einmal in Erwägung gezogen hätte. Das wurde mir bereits vorgestern bewusst als ich mich zwischen dem kleineren oder größeren Schnellkochtopf entscheiden musste.

Aber nun vielleicht etwas verständlicher:

Die letzten zwei Wochen haben ganz schön viel ergeben und angeboten. Das Leben hat mir drei Möglichkeiten serviert und ich habe zugeschlagen. Einmal Alles bitte. Halbe Sachen mache ich ja eh eher selten und wenn es noch ein wenig anstrengend sein darf bin ich auch gerne dabei. Und ohne zu viel zu versprechen oder zu erzählen kann und möchte ich doch einen kleinen Einblick geben in die derzeitige Situation. Also zurück zum Anfang…

Wer mitgelesen hat wird sich vielleicht an mein kleines Abenteuer mit Sach in Kedarnath erinnern. Auf der Rückfahrt via Motorrad hatte sich ein kleiner Dialog bezüglich Wohnsituation ergeben. Da man sich beim Motorrad fahren ja eh mehr anschreit als vernünftig zu unterhalten waren die Worte knapp, klar und deutlich. „Sina it is up to you. For me it is fine to share a room in Rishikesh.“

Zusammenziehen? Wollte ich nicht eigentlich endlich mal alleine wohnen? So ziemlich seit ich nach Australien gegangen bin 2012 habe ich mir vorgestellt, wie es wohl ist alleine zu wohnen. Von da an hat sich eine Situation an die nächste geknüpft und diese waren nie mit alleine-wohnen verbunden. Nun dachte ich nach der erste Zeit hier wäre ein kleines Zimmer alleine ja mal ganz interessant um auch zu sehen wie sich all diese Erfahrungen in einen eigenen Rhythmus vereinen lassen. Und dann kam Sach und die Idee zerschlug sich eben so spontan ,wie sich unser Trip ergeben hatte.

Die Idee gemeinsam zu wohnen hing bei uns aber auch mit einer beruflichen Idee zusammen. Also begann ich mir vorzustellen, wie es wohl ist zusammen Yoga zu praktizieren, an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten und eben alle lebensnotwendigen Dinge zu teilen. Wieso eigentlich nicht…zumal wir uns ja auch gut verstehen. Am nächsten Tag klapperte ich ein paar „Homestays“ ab. Hier werden überall Zimmer vermietet, die mit Küchenzeile und eigenem Bad ausgestattet sind. Die 1-Zimmer Politik gefällt mir inzwischen sehr gut und das man sich ein kleines Zimmer auch zu zweit teilen kann habe ich die letzten Wochen ja erfahren. Zwei Tage später wurde ich zu einem Häuschen bestellt. Zwei Minuten von meiner Schule entfernt. Selbe Umgebung, selbe Straße. Ein kleines weißes Häuschen mit lila Umrandung. Sach stand strahlend vor mir und zeigte mir im Eilschritt alle Etagen. Im Erdgeschoss befindet sich eine Ladenfläche mit Garagengröße. 1OG und 2OG sind Wohnräume mit jeweils Bad und Küchenzeile. Überall Zugang zu einem kleinen Balkon und ganz oben auch der Zugang zum Flachdach. Von Flachdächern bin ich ein absoluter Fan geworden. Man steht schön hoch, sieht ganz Rishikesh, die Berge, den heiligen Ganges und dem Himmel ist man ganz nah. Was es jetzt mit dem ganzen Gebäude auf sich hat verstand ich jedoch nicht so ganz. Ich hörte nur noch „renting, vegan café, yoga, meditation, august…what do you think?“ Das war Sonntag und ich war bis Montag noch ziemlich erschlagen von all den Informationen, Ideen und der unfassbar schnell wechselnden Ideenvielfalt seitens Sach. Mein Verstand, der absolut auf die deutsche Mentalität gepolt ist war überfordert. Erstmal macht man doch eine Liste. Man kalkuliert und so einfach kann man doch auch nicht einfach ein Café aufmachen. In mir stieg eine Wut auf. Mit so viel Spontanität konnte ich in meinem Kopf nicht umgehen. Mein Gefühl jedoch klopfte an und besänftigte mich. Als ich Sonntag Abend mit Violetta sprach und sie mich anstrahlte und die ganze Idee bejahte, konnte ich mich etwas mehr an den Gedanken gewöhnen. Die folgende Woche bestand aus Gesprächen, schlaflosen Nächten, Zweifeln und Vorfreude. Was ist seit dem geschehen und was ist eigentlich die Idee?

Seit Montag wohnen wir zu zweit in dem kleinen Häuschen. Drei Etagen für uns und unser Projekt. Das zweite Zimmer werden wir untervermieten und so mit eine stetige Einnahme haben. Die Ladenfläche werden wir tatsächlich zu einem Ort der Begegnung und des Genusses verwandeln. Ein kleines Café mit übersichtlicher Karte an gesunden Speisen und Getränken. Unser Raum wird unserem Leben dienen und womöglich auch für Reiki, Massage oder Meditations- Sessions dienen. Da wir beide Yoga praktizieren und eine entsprechende Ausbildung haben können wir dies neben unseren anderen Aktivitäten anbieten. Dazu zählen eben Massage, Reiki und Meditation. Unser Konzept steht, es geht nun um Details und Einrichtung. Die letzten vier Tage kommen mir ewig lang, so anders und aufreibend vor. Unzählige Male hat mein Inneres schon kapituliert, mir den Vogel gezeigt und sich eingesperrt gefühlt. Und ich bin mir sicher, dass sich diese Gefühle noch wiederholen und stärker anfühlen werden. Gleichzeitig bin ich mir auch bewusst, dass das dazu gehört. Ich schlage einen neuen Weg ein, teile plötzlich alles mit einem Menschen, den ich erst seit einem Monat kenne und habe mich mehr oder weniger langfristig festgelegt. Unser Mietvertrag geht für 11 Monate. Da sind meine „mal sehen, wo ich hinreise“- Pläne plötzlich in den Hintergrund gerückt. Auf einmal empfinde ich Wehmut und vielleicht auch Heimweh. Parallel weiß ich, dass ich mir Innerlich einen Streich spiele. Ich bin mir um die aufkommenden Anstrengungen bewusst. Und genau die selben Ablenkungsmanöver kenne ich vom Lernen oder sonstigen Aufgaben, die vielleicht erstmal mit Anstrengung verbunden sind. Und irgendwie ist ja auch noch nichts greifbar. Welche Möglichkeit mir da geboten wird darf ich mir immer wieder ins Bewusstsein rufen. Ich darf mich ausprobieren in den Feldern, die mir so viel bedeuten und mich erfüllen. Menschen kennen lernen, verwöhnen, mit ihnen Yoga und Meditation erleben. Unser Café darf also auch als reale Werbefläche dienen. Da wir vorerst auch kein WLAN haben müssen sich die Menschen wohl oder übel unterhalten und anschauen. Quasi ein interaktives Facebook. So eben haben wir unseren ersten gemeinsamen „Retreat“ fertig konzipiert und online gestellt. Unser Plan ist es nämlich eine Marke publik zu machen und das Reisen mit Yoga zu verbinden und anzubieten. Über Silvester geht es demnach in den indischen Staat Gujarat in die „White desert“ in Kutch. So etwas entsteht dann zwischen den Entscheidungen für entsprechende Küchen-Utensilien, gemeinsam Kochen, Yoga praktizieren und irgendwie an einen neuen Alltag gewöhnen. Für mich ist es aufreibend und eine Herausforderung, anders kann ich es momentan nicht beschreiben. Ich plane gerne und darf mich nun neben jemandem behaupten, der viel mehr entscheiden, sagen und verstehen kann in diesem Land. Dazu kommt dann die Geduld, die ich aufbringen muss, denn so etwas gestaltet sich nicht von heute auf morgen und überhaupt haben wir jetzt den gesamten August Zeit. Mir geht aber schon seit Montag alles zu langsam und das obwohl wir täglich unsere To-Do-Listen abarbeiten. Der innere Lernprozess hört nicht auf und ich denke die Umstellung an diese neue Situation verlangt nun anfangs eben einiges ab. Mit unter, weil es eben so konkret ist. Ich habe zugestimmt und mich zu etwas entschieden, was durchgezogen werden möchte. Und ich bin dabei und absolut dankbar. Es fühlt sich wie auf einem kleinen Segelboot im stürmischen Meer an und das stürmische Meer bin ich ganz alleine. Um mich herum ist eigentlich alles super entspannt nur ich führe mich manchmal auf wie eine Katze, die ins Wasser geschubst wurde. Eine neue Dimension von Gefühlen, die sich nun eröffnet. Nun ja, Gefühle sind ja immer wieder gleich. Nur verändert sich vielleicht die Intensität und Wahrnehmung mit den Jahren, der Erfahrung und auch der inneren Einstellung. Die letzten drei Monate haben einiges mit mir gemacht und ich habe an vielen Situationen lernen dürfen und kann nun auch neu und anders agieren. Es fühlt sich wie ein kleiner „Zwischen-Test“ an. „Mal sehen was da so hängen geblieben ist Sina. Mal sehen wie „detached“ du tatsächlich bist, wie sehr du dich von Ego-bezogenen Gefühlen frei machen kannst und wie lange du bei dir bleiben kannst ohne deine Mitte zu verlassen.“ Nun- meine Mitte habe ich mehr als oft in den letzten Tagen verlassen 😀

Ohne Mut kann man die eigene Komfortzone nicht verlassen. Ohne Mut kann man nicht wachsen. Ohne Mut kann man die eigene Perspektive nicht neu entdecken. Ohne Mut bleibt man stehen. Mut begegnet uns in jeder kleinen und großen Situation. Es kann absolut alltäglich scheinen- die kleinen Schritte sind manchmal die herausforderndsten. Dafür muss man nicht irgendwo hin gehen, etwas neu erfinden oder etwas außer der Reihe tun. Mut steckt im Detail und beginnt im Kleinen. Ganz bei dir und deinen Entscheidungen. Wir tun uns oft leicht mit Entscheidungen für andere oder für Taten, die weniger mit uns zu tun haben. Herausfordernd wird es, wenn wir das für uns tun. Entscheidungen für uns treffen, die uns womöglich ein wenig herausfordern oder auch dazu bewegen, die vermeintlichen Meinungen anderer auszublenden. Und dann kann schon beim Haare färben oder „Nein“ sagen anfangen. Bei dir und deinen Bedürfnissen bleiben. Das erfordert Mut. Zu horchen „was möchte ich denn eigentlich?“ und wieso ist es gar nicht so leicht die Wahrheit zu sagen ohne direkt in eine Auseinandersetzung zu geraten, da sich andere Menschen angegriffen fühlen. Unsicherheit schürt Angriff. Oft fühlen sich Menschen durch die Entscheidungen anderer angegriffen ohne einen direkten An- oder Eingriff. Dieser Mechanismus wiederum führt dazu, dass Menschen sich nicht trauen, das auszudrücken oder zu leben, was sie eigentlich fühlen. Und deswegen sind die kleinen Schritte der eigenen Potenzialentfaltung, die mit Mut erfüllten. Über den Mut Eltern zu werden kann ich nicht sprechen und würde wahrscheinlich gar nicht enden können. Umso älter ich werde, wird mein Hut, den ich ziehen möchte jedoch immer größer vor allen Eltern und jenen, die es werden wollten oder werden möchten. Das Leben erfordert viel Mut und auch eine kleine Portion Wahnsinn. Dies mit Kindern erleben und teilen zu wollen ist für mich unsagbar mutig. Und bevor ich mich ganz in Worten und Gedanken verliere möchte ich meine Dankbarkeit, den mir gegebenen Wurzeln aussprechen. Ohne diese Wurzeln, die mir meine Familie und Freunde geben, wäre all dies wohl nicht möglich.

Mein Weg führte mich nach Rishikesh und hier bleibe ich nun erstmal um kontinuierlich an einer Sache zu bleiben. Dies bedeutet nicht, dass ich nun ausgewandert bin. Was Morgen bringt weiß man nicht. Für den Moment fühlt es sich hier gut an um zu wachsen. Die Freiheit umher zu reisen verschiebe ich einfach. Mir ist bewusst geworden, dass ein Ort und eine Aufgabe und die damit verbundene Kontinuität einen großen Mehrwert mit sich bringen werden. Immer wieder, wenn der Zweifel kommt erinnere ich mich an die Worte meines Guru Jis „Wenn du ein Loch buddeln möchtest im Garten, dann musst du jeden Tag im selben Loch buddeln. Du wirst nicht weit kommen, wenn du jeden Tag unterschiedliche Löcher beginnst.“ Danke Peter.

Ich bin gespannt.

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