Der Schrei des Affen.

„Der Affe ist das Tier der Leichtigkeit, des Übermuts und der Geradlinigkeit.Diese Eigenschaften sind vor allem im sozialen Kontext wesentlich, denn viele menschlichen Dramen werden gerade dadurch entschärft. Alle Personen, die in unser Leben treten, sind Spiegelbilder unserer inneren Wünsche, Sehnsüchte als auch Schatten. Der Affe zeigt Dir auf, wo Du zu rigide oder feststeckend bist. Es gilt wieder den Moment und das JETZT zu leben und das Leben als Theaterbühne zu sehen. Erst wenn wir unser eigenes „Lebens-stück“ zu schreiben lernen, sind wir dabei mit Mut, Demut und Weisheit das Leben leicht zu nehmen.“

(https://www.wirkendekraft.at/Krafttier_Affe/)

Tauziehen mit einem Affen um einen 5KG-Sack Reis – so begann mein Samstag vor zwei Wochen. Er schrie mich an und stopfte sich so schnell es ging noch den trockenen Reis in den Mund. Na immerhin war es Vollkorn-Reis. Sharing is caring. Überall flog der Reis umher und es fühlte sich wie in den letzten Tagen alles zu viel und zu schwer an. Die kurze Leichtigkeit durch diese kuriose Situation war ebenso schnell verflogen, wie sie aufgetaucht war.

Etwas später am Tag sollte er mir wieder begegnen. Der Wind wehte durch das Fenster und der Vorhang bewegte sich in meine Richtung. Doch etwas anderes bewegte sich ebenso. Ich spinkste hinter den Vorhang und schreckte zurück. Dieser riesige Affe saß im geöffneten Fenster (Schiebefenster) und war dabei einzusteigen. Mein Fluchtinstinkt ließ mich weg stolpern. Doch dann wurde mir bewusst: Lasse ich den Affen herein und stelle mich nicht, dann wird es sehr viel schwieriger die Situation zu lösen. Wie bildlich diese Situation für mich stand wird mir erst jetzt bewusst. Ich schnappte mir den Besen, drehte mich um und schaute ihn böse an während ich wild mit dem Besen umher fuchtelte. Der Affe rückte ab und schrie mich förmlich an. Garstiger Affe.

 

Die dritte Woche begann. Gemeinsam in einem kleine Häuschen mit den täglichen Vorbereitungen um ein Café zu eröffnen. Eine Woche zu vor hatte ich diese Idee öffentlich geteilt, Blogeintrag und viele Menschen privat benachrichtigt. Den Tag darauf lag ich komplett flach mit einer intensiven Migräne. Eine Woche später war ich nach wie vor auf der Suche nach meiner Energie und Gelassenheit. Ich war gereizt, schlief nicht mehr richtig und wollte morgens nicht aufstehen. Ich war permanent genervt und stand dermaßen unter Strom. Komplett aus der Balance und das spiegelte sich vor allem in meinem Verhalten Sach gegenüber wieder. Aber ich dachte mir immer wieder „das ist normal. Die neue Situation ist einfach viel und herausfordernd.“ Jedoch hatte ich immer Tränen in den Augen, wenn ich mit Familie und Freunde schrieb und dieses Vorhaben rechtfertigte. Donnerstag dann kam der wichtige Tag.

Nachdem ich mich unten im Laden verkrochen hatte und zwei Telefonate führte, ordentlich weinen konnte und endlich aussprach was los war, begann ein neuer Abschnitt.

Ich suchte das Gespräch mit Sach und sprach aus, was endlich gesagt werden musste. Diese gesamte Idee war wundervoll aber nicht meine Idee und entsprach absolut nicht meinem Gefühl. Auch unsere Verbindung war für mich nicht das, was ich gedacht hatte. Die Betonung liegt auf „gedacht“, denn all meine Entscheidungen waren von meinem Denkzentrum gelenkt. Sach ist ein wunderbarer Mensch – ein Engel für mich aber ich habe nicht das Empfinden, was eine gemeinsame Zukunft als Paar benötigt. All diese Möglichkeiten auf einen Schlag kamen mir vor wie ein Zeichen – auf keinen Fall nein sagen. Nun in der Retroperspektive sehe ich ganz klar, dass mein Gefühl mir bei allen Entscheidungen eine Antwort gab – und dieses Gefühl bin ich permanent übergangen. Nun hatte ich furchtbare Angst mit ihm zu reden. Schließlich hat er den Vertrag abgeschlossen und ich fühlte mich verantwortlich. Gleichzeitig hielt ich es keine Sekunde länger mehr in diesem Haus aus, denn wie ich nun fühlte war auch die Energie des Hauses absolut nicht stimmig mit mir und ich fühlte mich nicht wohl. Weglaufen oder umdrehen und mein eigenes, inneres Haus beschützen? Ich ging hoch und brach in Tränen aus. Der Arme hatte sich das Zusammenwohnen wahrscheinlich auch etwas weniger dramatisch vorgestellt 😀

„Sach I am not happy.“ Und mit diesem Eingangssatz sprudelte alles aus mir heraus, was gesagt werden wollte. Das ich gar nicht für ein Jahr in Rishikesh bleiben möchte und das es alles tolle Möglichkeiten sind aber sich das derzeit und in dieser Konstellation nicht gut für mich anfühlt. Das ich alles mit dem Kopf gerechtfertigt habe und nicht die Sina bin, die ich eigentlich gerne bin und mich so nicht aushalte und auch einfach unfair ihm gegenüber bin mit meiner gereizten Art.

Ich blickte in zwei große braune, verständnisvolle Augen.

„No problem Sina, take your time and space. Do you want to move to another place and first get some peace and see what you want?“

Damit hatte ich nun nicht gerechnet. „But what is the worst case?“ War meine Frage und zielte ein wenig auf die 11 Monate Mietvertrag und eben auch damit verbundenen Kosten ab, die er ja dann alleine zu tragen hätte wobei ich mich im worst case da dann eben auch dran beteiligt hätte.

„There is no worst case.“

In meinem Kopf war die ganze Situation im Vorhinein dramatischer abgelaufen.

Aber es gab keine Auseinandersetzung, es gab keine Vorwürfe, keine Wut und keinen Ärger. Einzig und allein Verständnis und eine liebevolle Art. Verwirrt und erleichtert saß ich da. Die Entscheidung lag einzig und alleine bei mir. An diesem Tag fühlte es sich so unglaublich schwer an und ich fühlte mich unendlich verloren. In dieser Nacht schlief ich erstmals seit langem wieder durch und wie ein Baby. Der nächste Tag war gefüllt von neuer Kraft und Elan. Ich habe mich um eine neue Unterkunft gekümmert, mit Menschen gesprochen und immer mehr zu meinem Gefühl gefunden. Auf einmal war alles so klar. All die Situationen in denen ich „Ja“ gesagt habe und mein Bauch eigentlich was ganz anderes sagte. Denn der meldete sich auch in Form von Schmerzen. Nicht das erste Mal, dass mein Körper mir durch mein Bauchgefühl eine Mitteilung sendete. Diesmal hörte ich die Nachricht glücklicherweise nach 3 Wochen.

Was ist seit her geschehen? Ich wohne seit fünf Tagen in einer wunderbaren Unterkunft, die ich mir vor vier Wochen bereits angeschaut hatte und mein Herz ganz laut „Ja“ sagte. Immer noch in Rishikesh und noch in meinem gewohnten Umfeld. Ich wollte Sach bei allem unterstützen, was die Eröffnung anging. Gestern jedoch kam wieder einmal eine Wendung. Sach bestellte mich zu sich um mit mir zu reden. In meinem Kopf spielten sich sämtliche Szenarien ab. Die Realität sah dann aber ganz anders aus.

Die Yoga-Schule, in der er seine Ausbildung machte ist frei geworden. Der alte Mieter ist rausgeflogen und der Vermieter sucht nun einen neuen Mieter, der dieses Gebäude übernimmt. Sach wollte meine Meinung wissen, da er sehr gerne dieses Gebäude übernehmen würde. Es würde alles abdecken, was er langfristig für seine Projekte geplant hatte und die Idee einer Yoga-Schule hatte er schon seit einigen Monaten. Wir schauten uns das Gebäude an und hatten über den Dächern Rishikeshs eine Unterhaltung, die mir noch mehr Frieden gegeben hat. Die Idee des Cafés wird begraben und er wird das kleine Haus komplett vermieten und sich auf dieses Projekt konzentrieren. Ich musste schmunzeln und suchte nach Erklärungen und dem Sinn unserer 4-wöchigen Exkursion. Und irgendwie kristallisierte sich für mich heraus, dass wir beide enorm wichtig für unsere gegenseitige Entwicklung waren und sind. Zum einen hat Sach mich gebraucht um sich auf eine Sache zu konzentrieren. Er hat so viele Ideen und Pläne und es fällt ihm schwer sich auf eines zu konzentrieren. Das hat in Kombination mit mir sehr gut geklappt und vielleicht hätte er durch den Einzug in das kleine Haus niemals erfahren, dass die gegenüberliegende Schule frei wird. Wer weiß. Für mich war Sach enorm wichtig um noch einmal ganz deutlich zu fühlen, dass es keine bessere Wahrheit als das eigene Gefühl gibt. Das es auch nicht feige ist von einer Entscheidung Abstand zu nehmen, wenn sie absolut nicht mit dem Gefühl überein stimmt. Was auch immer der größere Sinn dieser Begegnung ist – ich bin unglaublich dankbar und erfüllt. Ich habe einen so großartigen Menschen kennen gelernt, bin über mich hinaus gewachsen, habe gelernt und bereue nichts.

 

Vielleicht kam genau deswegen der Affe in mein Leben. Um mir zu zeigen, dass diese Situation nicht so weiter gehen kann. Das es Einfallsreichtum, Flexibilität und Weiterschwingen bedarf um mein Potential zu spüren und zu leben.

Kaum bin ich in meiner neuen Unterkunft angekommen gab es hier jedoch einen Affenaufstand mit fünf Affen, die das Bücherregal geplündert-, meinen Schal geklaut, und einen Haufen hinterlassen haben. Viel Freude beim Deuten dieser Begegnung 😀

Ausblick – wie geht es weiter?

Meine Zeit in Rishikesh neigt sich dem Ende zu – das merke ich.

Jedoch werde ich voraussichtlich bis Mitte September noch hier bleiben und eben das tun, was ich die ganze Zeit machen wollte : Die Zeit nutzen für meine Ideen, Gedanken, Yoga, Sport, Kochen und Konzepte schreiben. Vielleicht werde ich bei einem Retreat unterrichten. In erster Linie möchte ich einfach eine kleine Weile haben um zu verfestigen, was sich vorher in den Schulen abgespielt hat. Es bedarf nämlich doch etwas mehr Disziplin selber täglich zu praktizieren und zu lernen als einem vorgefertigten Stundenplan zu folgen. Ich hab das ganze mal unter den Namen „Sina-Retreat“ gesetzt. Es gibt einige persönliche Themen mit denen ich mich auseinander setzen möchte und die ein wenig Zeit benötigen. Während ich diesen Themen Zeit und Raum gebe kann ich den Prozess wiederum für eigene Konzepte nutzen. Was kann man besser weiter geben als die eigenen Prozesse, Tiefen und Höhen?

Danach möchte ich gerne in den indischen Staat Himachal Pradesh. Dort befindet sich der Pilger Ort Dharamsala und meine Recherche hat einige schöne Stellen in der Gegend ergeben. Die Ruhe der Berge hat mich komplett in ihren Bann genommen und das möchte ich gerne noch etwas weiter erleben. Rishikesh ist magisch. Warum hab ich mich oft gefragt. Es gibt so Orte da kann man ganz leicht stecken bleiben. In Australien war es Byron Bay. Wieso und weshalb wusste keiner so genau. Manche Orte haben spezielle Frequenzen. Hier in Rishikesh fließt der wunderschöne Ganges am Fuße der Berge, die wie ein kleines Intro des Himalayas wirken. Wasser und Berge zusammen sind einfach beruhigend. Jedoch ist Rishikesh auch eine Touristen-Hochburg und der Yoga-Boom hat voll um sich geschlagen. Da nehme ich mich nicht heraus. Bin ja auch hier und genieße es. Aber es wird Zeit neues zu sehen, kennen zu lernen und zu erfahren.

Meine „Arbeit“ lasse ich trotz der Planänderung nicht außer Acht und lenke meine Aufmerksamkeit zunehmend auf die Möglichkeiten sie zu teilen und zu leben.

 

IMG-20190814-WA0023

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: