Fliegender Quinoa und der Bullet-Mann.

Om Namo Bhagavate Vasudevay

Dieses Mantra ist ein Mukti/Moksha Mantra. Es soll jenen von Samsara befreien. Sanskaras sind unsere tief verankerten Erfahrungen im Unterbewusstsein. Die Sanskara Theorie ist das Fundament der Karma-Philosophy. Unsere Samsaras nehmen wir von vorigen Leben mit. Erinnerungen können diese „Eindrücke“ wieder hervor holen. Wer frei von seinen Sanskaras ist entkommt dem Kreislauf von Tod und Reinkarnation (Samsara).

Hört euch dieses wunderbar interpretierte Mantra an und vergesst für einen Augenblick alles um euch herum.

https://www.youtube.com/watch?v=C8nvFfjx3yk

 

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Auf unserem Weg nach Kedarnath haben Sach und ich dieses Mantra jeden Abend gehört und es gesungen. Immer wenn ich es nun anmache denke ich an diese zeitlose Reise in die Berge. Damit habe ich wohl wieder ein Samsara geformt. Sollte ich also in meinem nächsten Leben dieses Lied hören, wird mich mit Sicherheit eine nicht bestimmbare Ergriffenheit überkommen. Denn das sind Samsaras. Situationen, die wir uns nicht erklären können, Orte an denen wir noch nie waren und sie so vertraut scheinen, Begegnungen mit Fremden, die keine Fremden sind, Déja vus und all diese mit dem Verstand nicht erklärbaren Begebenheiten. Das ist meine Übersetzung für dieses absolut spannende Thema Samsara. Welch schöner Wort Klang. Als ich in einer Philosophie Stunde dazu unterrichten durfte war ich furchtbar glücklich aufgeregt und habe bemerkt wie toll es sein kann zu lernen, wenn man sich Thema und Art aussuchen darf. Denn die Neugier zu Lernen ist in uns allen und wird leider sehr früh ab Schulalter eingeschränkt. Man darf nicht mehr aussuchen, was man wie und wo lernen möchte und wird zum kleinen Wiederkäuer. Die natürliche Neugierde wird gekappt und auch der frei denkende Geist. Ich kann nur von mir sprechen und möchte es keineswegs verallgemeinern. Jedenfalls merke ich inzwischen, dass mein freier und kreativer Geist ziemlich eingerostet ist. 14 Jahre Schule um das Abitur zu erreichen, dann mit kleinem Umweg nach sechs weiteren Jahren mein Bachelor Abschluss. Immer mit der Technik: Abliefern. Strategie 0815 um am Ziel xy anzukommen. Was geschieht jedoch wenn es plötzlich kein Ziel xy gibt und die Strategie nicht mehr funktioniert? Was passiert, wenn da plötzlich niemand ist, der mir sagt, wie ich was zu lernen habe und mein Verhalten benotet? Wie weiß ich denn dann, ob das was ich mache überhaupt richtig ist? Hat es Sinn? Bin ich etwa selber in der Lage meinen Taten und Handlungen Sinn zu geben und bin ich auch in der Lage mich selber zu motivieren ohne ein direktes Ziel der Sicherheit zu sehen? Scheinbar ja. Aber ich habe es fast verlernt intrinsisch motiviert zu sein. Es ist tatsächlich eine Herausforderung und bedeutet auch ein wenig Anstrengung. Eine absolut gute Anstrengung, denn nach und nach bröckelt der Beton und ich kann anfangen über die Mauer hinaus zu schauen, Interessen und Fähigkeiten wieder zu entdecken, die ein wenig versteckt lagen.

-Intro Ende-

 

Dienstag Morgen. Eine saftige Mango in meinen Händen stehe ich verträumt in meiner kleinen Küchenzeile und denke über das Thema Grenzen setzen nach. Während ich die Mango schäle und mich auf ein leckeres Frühstück freue geschieht plötzlich etwas, was ich nicht einordnen kann. Es erinnerte mich direkt an die Situation vor ziemlich genau fünf Jahren in meiner alten WG. Da löste ich versehentlich den Feuerlöscher aus und alles war in blauen Rauch gehüllt. Diesmal war der Rauch jedoch heiß und bespuckte mich mit Kügelchen. Gleichzeitig sah ich die Flamme meines Gaskochers auflodern. Irgendwie schaffte ich es das Gas abzudrehen und den überschäumenden und wütenden Schnellkochtopf in die Spüle zu schmeißen. Ich wischte mein Gesicht an meinem Arm ab und schaute mich an -und um. Mein schwarzes Oberteil war mit Quinoa Kügelchen besprenkelt und bei meiner 180 Grad Drehung bemerkte ich, dass mein gesamtes Zimmer mit Quinoa bespritzt war. Selbst die gegenüberliegende Wand war nun mit einer 3D Musterung verziert. Mein Bett, Laptop, Bücher, Boden…alles. Da ich nun schon 27 Jahre mit dieser schusseligen Person Sina verbracht habe blieb mein Blutdruck gleich. Ich atmete entspannt ein und aus und dachte mir :“Gut dann ist es wohl Zeit gründlich zu putzen.“ Irgendwie hatte ich den Zeitpunkt verpasst die Hitze zu drosseln. Das wenige Wasser im Schnellkochtopf war verbraucht und somit spuckte der dann den Inhalt durch die winzige Öffnung aus. Da die Munition klein genug war, konnte mit Quinoa geschossen werden.

„Selbst wenn die Flamme niedrig lodert -ist der Druck irgendwann zu groß, wenn man sich keine Luft macht. Dann kann man schonmal explodieren.“

Das ist meine heutige Deutung dieser Situation und ich kann sie bestens annehmen und unterschreiben. Lieber jeden Druck kommunizieren und sich Luft machen. Anstauen und in sich „hinein fressen“ tut nicht gut. Das machen wir alle viel zu gerne anstatt einfach sofort zu sagen, was das Gefühl schon längst weiß. Persönliche vergangene Situationen wie auch Situationen von Familie und Freunde zeigen das immer wieder. Manchmal ist Schweigen Gold aber manchmal darf man auch sagen, was einen unruhig macht. Was sich danach eröffnet ist an Tiefe und Größe oft nicht zu übertreffen.

Seit über einer Woche wohne ich nun bei Anita und bin immer noch so zufrieden. Meine unmittelbaren Nachbarn sind so lieb und mit dem „Bullet-Mann“ habe ich wieder einmal einen kurzweiligen Guru kennen gelernt. Den Begriff „Guru“ fand ich bis vor kurzem noch sehr hoch gestochen und überheblich. Inzwischen ist mein Empfinden anders. Guru bezeichnet eine Person von der man lernen kann und möchte. Jedes Lebewesen kann ein Guru sein. Seit ich Indien bin sind mir eine Hand voll Menschen begegnet, die mir auf ihre jeweilige Art und Weise so viel vermittelt haben. Viele GuruJis hier und da:) Anita nennt ihn „Bullet-Man“, weil er eine Royal-Enfield-Bullet fährt.

„Ursprünglich war die Royal Enfield Bullet ein britisches Einzylinder-Viertakt-Überkopfventil-Motorrad. Hergestellt von Royal Enfield in Worcestershire. Inzwischen wird sie in Indien selbst (Chennai, Tamil Nadu) hergestellt.“ (Ich habe mich kurz bei Wikipedia belesen. Für alle Motorrad-Fans. Ich denke diesbezüglich wird die Auskunft durchschnittlich wahr sein haha.)

Die sind auf jeden Fall sehr laut und groß. Der Bullet-Mann ist auch groß aber nicht laut. Ein sehr ruhiger Charakter, der aus Süd-Afrika kommt. Jedoch lebt er seit 1992 in Indien. Eindrucksvoll. 26 Jahre schon verbringt er hier und in all den umliegenden Ländern, wenn er ausreisen muss aufgrund seines Visa. Mein Kopf möchte immer direkt wissen, wie Menschen das hinbekommen zu reisen und keinen festen Arbeitsplatz haben. Heutzutage sind ja viele auf YouTube, Instagram oder sonst wie unterwegs und verdienen „online“ ihr Geld. Die offline Wege sind für mich persönlich griffiger. Ich weiß nicht, ob er namentlich genannt werden möchte deswegen bleibe ich einfach bei BM (Bullet-Man) .

BM erzählte mir von plötzlich aufgetretenen Atemproblemen und das er nie Asthma hatte und jetzt etwas überfordert mit der Situation ist. Ich erzählte ihm ein wenig von mir und das mich das mein Leben lang begleitet. Wir lebten die letzte Woche so aneinander vorbei. Vor drei Tagen sah ich ihn dann wieder und fragte ihn, ob er nicht Lust hat am nächsten Tag gemeinsam essen zu gehen bevor er sich auf den Weg nach Nepal macht. Die Verabredung stand. Nachts um zwei wurde ich durch eine Stimme und die Worte „Sorry…..panic….can not breath“ wach. Es klopfte gleichzeitig sanft an meiner Tür. Es war BM. Er stand bei mir auf dem Balkon und hatte eine Panik Attacke. Schlaftrunken suchte ich meine Anziehsachen und stolperte aus meinem Zimmer. Vor mir stand dieser große, starke Mann, der eine super Besetzung für einen Piraten- oder Räuber-Film abgeben würde, mit verängstigten Augen und absolut hilflos. Er entschuldigte sich eingehend dafür mich zu wecken aber erklärte auch, dass er nicht wisse was zu tun ist und er mit dieser Panik und dem nicht atmen, nicht umgehen kann. Wir setzten uns und ich erzählte ihm von meiner Kindheit. Wenn ich Nachts nicht atmen konnte dann nahm mich mein Papa und setzte sich mit mir auf den Balkon. Eingekuschelt auf Papas Schoß und in seinen starken Armen war es nur noch halb so schlimm. Wir schauten die Sterne an und er blieb so lange mit mir an der frischen Luft bis sich mein Atem wieder beruhigte. Danke Papa.

Nun saß BM nicht auf meinem Schoß aber das Gespräch lenkte ihn ab und er konnte das Gefühl der Panik gehen lassen. Wir verglichen unsere Asthma Pumpen und gingen alle möglichen Auslöser durch. Irgendwann ging es dann und er bedankte sich und ging zurück in sein Zimmer.

Gestern Abend gingen wir essen. Erst fuhren wir 20 Minuten mit dem großen Motorrad durch die sternenklare Nacht. Dieses Gefühl hinten auf dem Motorrad, die kühle Luft im Gesicht und dann diese Natur drumherum- ein Traum. Wir unterhielten uns über so viele Themen und die Parallelen waren so angenehm. Ich lauschte gebannt seinen Geschichten und es war erfrischend angenehm seinen Blick auf Indien zu hören. Schließlich kennt er den Westen, hat auch in Europa gelebt, und nun eben schon einige Zeit in Indien. Er brach viele Themen in einer herrlich nüchternen Art aufs Wesentliche herunter und ich fühlte mich in manchen Beobachtungen angenehm bestätigt. Er gab mir viele Tipps und Ideen für Indien und vor allem für das Leben. BM hat seine Schule mit 15 abgebrochen und musste vors Gericht. Dort erläuterte er ganz simpel, dass er inzwischen weiß, dass 1+1= 2 ergibt und das er gerne entscheiden würde was er lernen kann. Er erwähnte, dass die Bibliothek voll mit Büchern sei und sie in der Schule nichts neues lernen würde. Er habe genug davon und sein Wissensdurst wird dort nicht befriedigt. Polizei wie auch Richter stimmten dem 15 jährigen zu aber sagten „Das sind die Gesetze. Das ist das System.“ Er durfte sich eine andere Schule aussuchen und machte dort sein Abitur. Danach schwor er sich er würde keinen weiteren Abschluss machen. Er lernte alles was ihn interessierte. Er lebte und arbeitete in Kanada und Schottland und landete dann in Indien. BM hat immer Geld verdient und das mit den verschiedensten Sachen. Dieser Mann hat einen beeindruckenden Wissensschatz zu den unterschiedlichsten Themen und kann alles so verständlich erklären. Eine sehr inspirierende Begegnung für mich. Damit möchte ich Schule und Studium nicht vergleichend abwerten. Generell ist es nie meine Intention zu bewerten. Interessant sind für mich die Wege von Menschen, die so anders sind zu dem mir Bekannten.

Heute morgen um halb fünf klopfte es dann wieder. Diesmal war ich schneller wach und wusste sofort was los war. BM hatte kein Auge zu getan und das obwohl wir bis 0:30 draußen gesessen hatten und quatschten bis uns beiden fast die Augen zu fielen. Sein Kopf spielt ihm Streiche. Er bekommt Panik und dann kommt die Atemnot. Also saßen wir hier und beobachteten diesen klaren Sternenhimmel, die strahlende Sichel des Mondes und die langsam aufgehende Sonne. Von der einen Sekunde auf die andere war es Tag. Faszinierend wie schnell sich das Bild ändern kann. Alles erwachte langsam und wir gingen beide noch einmal ins Bett um viertel vor sechs. Ich lag mit geöffneten Fenstern im Bett und genoss den frischen Wind und die Musik, die von weit weg her ertönte. Hier ist es einfach nie still. Seit sechs Tagen geht ein Fest vor sich und den kompletten Tag wird gesungen und das mit Mikrofon verstärkt. Ich wundere mich immer mit welcher Ausdauer der gute Mann am Mikrofon am chanten, singen und sprechen ist. Von morgens sechs bis abends geht es da in dem Zelt rund. Indien ist einfach anders was Lautstärke angeht. Da die Babys überall mit hin genommen werden OHNE Hörschutz wachsen sie natürlich ganz anders auf. Entweder alle sind einfach ein bisschen taub oder das Empfinden ist angepasst. Für uns ist es auf jeden Fall zu laut und auch oft zu viel auf einmal. Vor ein paar Tagen war ich mit Ishan bei der abendlichen Aarti Veranstaltung. Mutter Ganges wird geehrt und eine bestimmte Zeremonie wird abgehalten mit Live-Musik. Wunderschön. Und sehr laut. Direkt neben dem Verstärker die kleinen Kinder. Teilweise schlafend. Beeindruckend und eben auch erklärend für die verschiedenen Auffassungen von Lautstärke.

 

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Was macht eigentlich das Café?

Ja stimmt- wer aufmerksam mitgelesen hat- eigentlich stand ja dann eine Yoga-Schule bei Sach an. Der Plan wurde kurzerhand gekappt. Der Vermieter hatte sich dann doch umentschieden und Sach musste sich wieder neu ausrichten. Also sind wir Sonntag erstmal ab in die Natur gedüst. Ein bisschen Grün, ein bisschen bewegen, im Wasserfall schwimmen und mal ein wenig Balance finden. Er ist zu viel Luft, ich hab zu viel Feuer … zwei komplett verschiedene Mentalitäten und Herangehensweisen. So schnell wie er neue Ideen hat und seine Vorhaben ändert- kann ich gar nicht mit kommen. Und es macht mich auch bekloppt. Deswegen ist es gut, dass ich mich da zurück genommen habe. Nach wie vor steht mein Angebot und ich helfe wo ich kann aber meine Rolle ist sehr passiv geworden und das fühlt sich gut an. Heute sind wir zum Markt gefahren und haben einen Tisch, eine Schublade und zehn Kissen abgeholt. Alles auf einem Motorrad. Geht alles 😀 Also derzeit sieht es so aus, dass er das Café aufmacht und dann einfach guckt wie es läuft. Ich helfe mit wo es geht aber habe auch meine anstehenden Pläne kommuniziert. Jetzt sieht es so aus, dass ich gerne in drei Wochen weiter reisen möchte. Aber wenn ich eins immer wieder merke : Pläne machen hier einfach keinen Sinn und Spaß. Ich setz meine Intention in diese Richtung aber bin offen für alles, was mir begegnen wird.

 

Namaste.

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