Von Pokhara nach Sonauli. Die Grenze der Freundlichkeit.

Pokhara- es ist 4 Uhr morgens und ich bin bereit. Meine Sachen sind gepackt und ich warte auf den Besitzer meines Gasthauses. Leider hab ich seinen Namen vergessen. Dieser bot an, mich mit dem Roller zur Busstation zu fahren. Nach einer kleinen Auseinandersetzung am Abend zuvor scheint die Stimmung jedoch wieder gut zu sein. Preislich hatten wir uns missverstanden und nach dem er etwas wütend wurde und ich um so ruhiger, fanden wir eine Lösung. Keinesfalls wollte ich in schlechter Energie gehen und trotzdem versuchte ich bestimmt auf den verstandenen Preis zu bestehen. Handeln gehört hier ja eh zum guten Ton und so langsam wird man auch selbstbewusster. Es war noch dunkel als ich mit meinem Gepäck am Ticketschalter stehe. Das Wort „Bag packing“ muss ich missverstanden haben. Es ist vielmehr „BagS packing“ bei mir und ich muss dringend an meiner Effizienz bezüglich packen arbeiten. Nun denn ich fand eine Ecke um abzuladen und drängelte mich in das Gewusel. Drei Männer hinter einem Gitterkasten. Von diesen dreien schien nur einer alles regeln zu können. 45 Minuten stand ich dort und sagte ihm wo ich hin musste. Fünf Minuten vor Abfahrt erhielt ich dann mein Ticket. Aber auch nur, weil ich immer wieder sehr laut „Mister my ticket please“ ausrief. Ich kam mir vor wie auf dem Markt. Es wurde gedrängt, gebrüllt und einen richtigen Ablauf gab es nicht. Zumindest wurde er mir nicht ersichtlich. Nach dem neben mir ein Mann komplett ausrastete, sodass ich ihn ein wenig weg schubste, weil er so aggressiv war und ich keinen Körperkontakt zu dieser tickenden Zeitbombe haben wollte, verstand ich auch das Gitter des Ticketschalters. Ich verstand nichts von dem was er brüllte aber der Ticketverkäufer zitterte vor Ärgernis. Ein besinnlicher Morgen. Nun denn im Bus angekommen hatte ich die freie Auswahl und freute mich über einen leeren Bus. Weit gefehlt. Bus fahren in Nepal ist ebenfalls wie auf den Markt gehen. Ein Busfahrer und ein „Brüller“. Der Brüller hängt halb aus der Tür raus und verkündet lauthals die Endstation sobald Menschen auf der Straße zu sehen sind. Es gibt offenbar keine öffentlichen Bushaltestellen und Fahrpläne. Die Menschen werden eingesammelt und „keinen Platz mehr“ gibt es auch nicht.

So ging es knapp 11 Stunden für weniger als 300 km in dem vollgepackten südlich zur Grenze Nepals. Die Natur war stellenweise so unfassbar grün und saftig. Die Zeit verging relativ schnell und ich konnte immer wieder einschlafen oder eben beobachten was so alles geschah.

Angekommen in Bairahawa war ich doch etwas ko und außer einer Straße gab es dort wenig. Es war heiß und meine Idee dort für eine Nacht zu bleiben verflüchtigte sich schnell. Ich suchte also die nächste Möglichkeit nach Lumbini zu kommen. Mein Ziel für einen Tag bevor ich die Grenze überquere. Lumbini ist der Geburtsort Buddhas und ich dachte mir es sei noch eine nette Idee dort vorbei zu schauen um ein wenig mehr von Nepal gesehen zu haben. Die ursprüngliche Idee noch nach Kathmandu zu fahren hatte ich verworfen. Das wären nochmals 10 extra Stunden im Bus gewesen und in die entgegengesetzte Richtung.

Also ab in den Bus nach Lumbini. Mein Gepäck und die Windeln meiner Sitznachbarin auf dem Schoß genieße ich diese ruckelige Fahrt. Hierbei darf sehr laute Musik nicht fehlen – Musik, die einem das Gefühl gibt auf einem Rave zu sein. Einige Zeit später kommen wir an. Gefühlt eine Staubstraße, ein paar Läden. Das ist Buddhas Geburtsort? Ich hatte mich vorher im Internet ein wenig belesen und wusste, dass Lumbini als Ort nicht spektakulär ist. Recht schnell hatte ich ein

nettes Gasthaus gefunden. Nach einer kurzen Dusche freute ich mich auf Bewegung und wollte diesen Lumbini Park erkunden. Recht schnell bemerkte ich, dass dieser 12 Quadratkilometer groß ist und über 40 Tempel und andere heilige Orte beherbergte. Verschiedene buddhistische Länder haben hier ihre heiligen Häuser erbauen können. Ich laufe für eine Weile in eine Richtung und erlebe einen wunderbaren Sonnenuntergang. Bevor es ganz dunkel wird kehre ich um und finde ein kleines süßes nepalesisches Restaurant und esse meine erste und letzte Mahlzeit bevor ich erschöpft ins Bett falle um 20 Uhr.

 

Lumbini Park

Es klopft drei mal doch ich bin zu müde um an die Türe zu gehen. Fehler. Ich schlafe ein und wache ein wenig später wieder auf. Es piekst. Ich drehe mich um und versuche krampfhaft weiter zu schlafen. Es funktioniert nicht. Ich wundere mich wo diese Mücke herkommt so habe ich sie doch abends noch bei lebendigem Leibe aus meinem Zimmer manövriert. Ahimsa, also Gewaltlosigkeit, zu leben ist eine echte Herausforderung, wenn es um Mücken geht. Irgendwann wird es mir zu bunt und ich mache das Licht an um meine Räucherstäbchen zu suchen. Erschrocken stelle ich fest, dass mindestens fünf dieser dicken Mücken an der Wand sitzen und sich scheinbar abwechselnd an mir betanken. All you can drink für die Mücken oder wie. Hab mich schon gewundert, dass die Mücke nicht langsam mal vollgelaufen ist. Räucherstäbchen an und trotz dieser Wärme die Decke über mich drüber und mein Gesicht unter ein Tuch. So konnte ich noch ein wenig weiter dösen bevor es dann draußen schon los ging mit lautem Gesang. Guten Morgen Lumbini. So halb ko lag ich dann doch noch bis acht im Bett und begann meinen Tag mehr erschlagen als lebendig. Nach einer Dusche, ausreichend Wasser und ein paar Bewegungen auf der Matte ging es dann. Mein Enthusiasmus bezüglich des Erkundens hielt sich jedoch in Grenzen. Ich motivierte mich damit nichts zu essen und dann nach getaner Erkundung ein spätes Frühstück/Mittagessen zu haben. Ich entschied mich dafür ein Fahrrad auszuleihen anstatt mich in eine Fahrrad Riksha zu setzen. Und tatsächlich – Fahrrad fahren verlernt man nicht. Nach beinahe 6 Monaten ohne Fahrrad fahren klappte es wie immer. Die Straße passte jedoch eher zu meinem Downhill-Bike daheim anstatt zu diesem netten Damenfahrrad in pink mit Körbchen. Ebene oder gar geteerte Straßen sind in Nepal eher die Seltenheit. Züge gibt es hier übrigens auch nicht. Also machte ich mich auf den Weg und beradelte diese ruckelige Piste aka Hauptverkehrsstraße bis es links zu einem der Eingänge ging. Lumbini ist ein Komplex mit ca 12 Quadratkilometer. Auf dieser Fläche verteilt präsentieren sich verschiedene Gebäude zu ehren Buddhas. Verschiedene Länder haben hier ihre Tempel erbaut. Das alles in Ehren – ich kam mir relativ schnell vor wie im Phantasialand. Spätestens als ich zu einem Tempel fuhr und nebenan ein weiterer erbaut wurde mit angebrachtem Schild, was hier denn zu erwarten sei. Das kenne ich so aus dem Phantasialand. Und um so prunkvoller die Tempel waren umso weniger hatte ich Lust sie zu besuchen. Lumbini ist eine absolute Pilgerstätte und man kann sich hier wirklich tagelang aufhalten und auch verschiedene Programme machen. Morgens und abends die Pujas begleiten, meditieren etc. Auch ein Vipassana Centrum gibt es hier. (Vipassana ist eine Meditations-Form, in der jegliche Kommunikation untersagt ist um sich komplett auf die inneren Empfindungen zu konzentrieren. Ein gängiger Kurs geht für 10 Tage.)

Geburtshaus Buddha

Ich war nach einer Stunde jedoch fertig und genoss das Fahrrad fahren am Meisten. Der Ort hat auf jeden Fall was Entspanntes aber ich weiß jetzt auch was meine Freundin Frizzi meinte als sie sagte „Also irgendwie hatte ich was anderes erwartet als ich nach Lumbini kam.“ Und genau das ist es vielleicht. Beziehungsweise wurde mir dann bewusst, dass mein Lumbini Moment den Abend zuvor war. Als ich in aller Ruhe spazieren ging, mich gegen den Eintritt entschied, welcher verlangt wurde um in das Gebäude des Geburtsortes zu kommen und mich fragte, was mein Bezug zu Buddha ist. Während die Sonne unterging und die Natur ein wunderschönes Bild abgab hatte ich einen ganz klaren Buddha Moment mit mir und der Natur. Es braucht keinen besonderen Platz um sich verbunden zu fühlen. Meistens geschehen diese Momente ohne Ankündigung. Natürlich kann das Ziel ein besonderes Gebäude zu besuchen ein Ansporn sein und auch ein spiritueller Weg. Siehe meine Reise nach Kedarnath. Aber ich fühle mich oft mit den kleinen Tempeln verbunden. In Pokhara hatte ich „out of the blue“ ein überwältigendes Empfinden bei einer Buddha Statue und hab das absolut nicht geplant oder erwartet. Wie meistens im Leben: Hat man Erwartungen können sie selten erfüllt werden. Lässt man es neutral auf sich zu kommen kann man die ganze Magie des Augenblickes erleben.

Früher als gedacht mache ich mich also wieder auf den Rückweg um die Grenze zu überqueren. Im Bus sitzt ein hilfsbereiter Mann neben mir, der mich nachdem wir angekommen sind mit zum Bus nach Sonauli nimmt. Gemeinsam passieren wir die Grenzkontrolle. Diese gestaltete sich bei mir länger als erwartet. Ich musste alles auspacken. Vor allem mein Laptop wird misstrauisch beäugt und gewogen. Ich weiß ja inzwischen, dass er zu groß ist. Nach sehr ernsten Blicken darf ich dann alles wieder einpacke und auf die andere Seite. Im Immigration-Büro wird mir der Tipp gegeben, die Nacht hier zu verbringen, da der Ort in dem mein Zug am nächsten Tag abfährt nicht viel zu bieten hat.

Morgen Vormittag geht von Nautanawa mein Zug nach Varanasi, also eine Nacht noch hier am Grenzort bleiben.

Nebenan finde ich ein Gasthaus samt grimmigen alten Mann, der keine Lust auf Preisverhandlung hat. Ich entscheide mich für das Zimmer mit eigenem Bad und etwas mehr „Charme“. Denn in der unteren Etage sind Zimmer mit weniger Charme. Eher Gefängniszellen Flair. Wellblech trennt ein Zimmer vom nächsten und im jeweiligen Zimmer ist auch nur ein Bett. Nun liege ich auch auf meiner Yogamatte und meinem Reiseschlafsack. Keine Mücken dafür Grashüpfer. Auch gut.

Nachdem ich eben noch ein wenig durch die Straßen schlenderte und ein wenig Abendessen zu mir nahm wollte ich noch schnell Wasser kaufen im Laden neben meinem Gasthaus. Aus diesem kurzen Besuch wurden fast 3 Stunden und eine neue Freundschaft. Neha. 17 Jahre alt und sehr freundlich kam mir zur Hilfe als ich nach Seife schaute. Wir kamen ins Gespräch. Nicht selten die Frage, ob ich verheiratet bin. Die Augen wurden größer als sie erfuhr, dass ich alleine reise. Ja endlich reise ich mal alleine ist mir gestern aufgefallen. Seit sechs Monaten bin ich nie alleine gereist. Seit Freitag bin ich mal auf mich gestellt und wie bereits erfahren macht man so schnell nette Bekanntschaften und ist einfach nie alleine aber ihr wisst wie ich das meine. Ob ich denn keine Angst hätte alleine im Zimmer. Wieso seien meine Freunde nicht mitgekommen. Mir wurde Wasser und Tee angeboten und sitzen sollte ich sowieso. Ich lernte den Papa und Opa kennen. Was meine Eltern beruflich machen, Geschwister, mein Beruf und was ich überhaupt hier mache und wieso ich morgen schon wieder abreise. Das nächste Mal sollte ich auf jeden Fall bei ihnen wohnen und schlafen. Was ich gerne esse, wieso ich keine Selfies auf dem Handy habe, ob ich auch ans Handy gehen werde, wenn sie mich anruft, ob ich sie auch nicht vergessen werde. Ich soll nicht schüchtern sein und so viel Wasser trinken wie ich möchte. Ob ich denn keinen Hunger hätte. Was ich denn morgen auf der Zugfahrt essen werde. Und dabei ein Papa der so stolz auf seine Tochter und seine Familie ist. Mir wurden Fotos von Ausflügen gezeigt. Drei Kinder. Neha erzählt mir, dass es ihre Aufgabe und ihr Wunsch ist ihren Vater stolz zu machen als die erstgeborene Tochter. Man solle sie als Familie kennen. Erst möchte sie sich auf die Karriere konzentrieren. Ob meine Eltern denn meinen zukünftigen Mann aussuchen werden? Daraufhin erzählte ich ihr, dass meine Eltern erst geheiratet haben als ich vier Jahre alt war. Ja aber wie haben sie denn dann Kinder bekommen? Zwei Welten, die sich kennen lernen. Neha möchte selber aussuchen, wen sie heiratet aber auf jeden Fall mit ihren Eltern entscheiden, nicht gegen deren Meinung. Ich muss an mich vor 10 Jahren denken. Eine Katastrophe auf zwei Beinen, das war ich. Weit weg davon meinen Papa stolz machen zu wollen oder auf die Meinung meiner Eltern wert zu legen. Insgeheim schon. Natürlich. Aber äußerlich nicht. Ich blieb bis Ladenschluss und bin gerührt von dieser offenen Mentalität. Sie hätten mich auf der Stelle mit nach Hause genommen. Wenn ich nach Nepal zurück komme werde ich auf jeden Fall wieder in Sonauli die Grenze überqueren.

Am nächsten Morgen ruft mich Neha an. Sie fragt wie ich geschlafen habe und ob ich bereits gefrühstückt habe. Ihr Vater übernimmt das Gespräch und teilt mir mit, dass er mich zum Bahnhof bringt. Um neun Uhr seien sie am Laden. Ich bin gerührt und mache mich auf den Weg einen frisch gepressten Ananas-Saft zu finden um den Tag zu starten. Keine zwei Minuten entfernt ist ein Straßenstand und ich sitze auf einem Plastik Gartenstuhl und beobachte das frühe Treiben. Busse mit Touristen, die entweder von Nepal oder Indien kommen. Fahrrad-Rikshas, Motorbetriebene-Rikshas, Chai-Stände, Obst-Verkäufer… hinter mir rattert der Generator und übertönt alle Geräusche. Der junge Verkäufer streckt mir einen Becher mit meinem Saft entgegen und schaltet den Generator aus. Er sitzt neben mir und wir unterhalten uns gebrochen auf englisch über unsere Herkunft. Er kommt nicht von Sonauli. Von weiter her, warum er hier her gekommen ist weiß ich nicht. Jedoch ist es oft ein fehlendes Einkommen, was die Menschen dazu bringt umzuziehen. Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg zu Nehas Familie, die nach und nach im Laden eintrudelt. Heute sind auch ihre Schwester und ihr Bruder mitgekommen. Ein jüngerer Mann arbeitete im Laden und hat scheinbar auch seinen Bruder mitgebracht. Nach unzähligen Selfies und Posen packen wir dann meine Sachen ins Auto und machen uns auf den Weg.

Neha Family

Unterwegs steigt Nehas Schwester aus um zum „Coaching“ zu gehen. Vielleicht eine Art Nachhilfe am Wochenende. Nehas Papa, Neha und ihr Bruder bringen mich also persönlich zum Bahnhof. Und als ob das nicht bereits genug wäre finden sie mit mir das richtige Gleis, versorgen mich mit Tee und warten mit mir bis die Zug-Türen sich öffnen. Er ist herzergreifend. Die Gastfreundlichkeit ist unbeschreiblich. Im Zug finden wir meinen Sitz und plaudern noch ein wenig. Besonders wichtig ist die Frage, wann ich denn wieder zurück komme. Ich bin gerührt und hoffe sehr zurück zu kommen. Zum Abschied gibt es einen Kuss von allen auf die Wange und die Stirn und es wird ganz lange gewunken. Dankbar richte ich mich auf meinem Sitz ein, der für die nächsten 10 Stunden mein zu Hause sein wird.

 

 

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