Varanasi.

त्र्यम्बकं यजामहे
सुगन्धिं पुष्टिवर्धनम्
उर्वारुकमिव बन्धनान्
मृत्योर्मुक्षीय मामृतात्


Om Try-Ambakam Yajaamahe
Sugandhim Pusstti-Vardhanam
Urvaarukam-Iva Bandhanaan
Mrtyor-Mukssiiya Maa-[A]mrtaat

Bedeutung:

1: Om, We Worship the Tryambaka (the Three-Eyed One),
2: Who is Fragrant (as the Spiritual Essence), Increasing the Nourishment (of our Spiritual Core);
3: From these many Bondages (of Samsara) similar to Cucumbers (tied to their Creepers),
4: May I be Liberted from Death (Attachment to Perishable Things), So that I am not separated from the perception of Immortality (Immortal Essence pervading everywhere).

Dieses Mantra hat mich auf meiner Reise nach Varanasi ganz besonders begleitet. Ich wusste nicht was auf mich zukommt und wie ich mit der Konfrontation umgehen werde. Um aus dem Kopf zu kommen war ich dies stets am chanten. Dieses Mantra kann für Krankheitsheilung, Segenswünsche, Reisen und Verstorbene verwendet werden.

_____________________________________________________________________________

„Are you ready to go up?“ fragte mich Sky und schaute mich mit seiner ruhigen Art an. Ich nickte und schloss kurz die Augen und bat um Begleitung und die entsprechende Kraft für dieses Erlebnis. Die Männer um uns herum machten Platz und wir kamen aus der kleinen Ecke hervor von der wir zuvor Arbeiter unter uns im Wasser beobachteten. Sie siebten das Wasser um nach Münzen und Schmuck zu suchen. Verbliebene Geschenke, die das Feuer nicht zur Asche machte. Ich ließ Sky vorgehen und hielt mich hinter ihm. Zum zweiten Mal stiegen wir an einem Körper vorbei, der in Tücher gehüllt an eine Holztrage gebunden und dekoriert war. Auffallend bunt und weiß im Vergleich zu den sonst recht dunklen Farben bedeckt von einem hellblauen Himmel über uns. Wir stiegen die Treppen empor, es wurde heißer. Mindestens acht Feuerstellen loderten. Auf dem Boden lag Holz, drei weitere Baren mit bedeckten Körpern, eine riesige Kuh und viel Asche. Sky manövrierte uns an die hinterste Stelle von der wir alles im Blick hatten. Die Luft war heiß aber rein. Kein Ruß, keine Luftnot und auch kein unangenehmer Geruch. In den Feuerstellen waren teilweise noch die Umrisse der Skelette zu erkennen. Langsam eins werdend mit dem Brennholz.

v5

Varanasi. Die Stadt, in der man als Hindu verbrannt werden möchte. Plötzlich war ich am Kernpunkt dieser alten Stadt. Inmitten von Arbeitern, Angehörigen, Unmengen an Holz, Feuer und eben den Menschen, die bereits als Seele gegangen sind und deren Körper nun in Einklang mit den Elementen gebracht werden. Ausschließlich Männer sind um mich herum. Keine einzige Frau. Weibliche Angehörige sind nicht erlaubt. Da Frauen emotionaler sind besteht das Risiko, dass laut geweint wird. Jegliche dieser lauten Emotionen stören die Seele ihren Weg zurück zu finden. So der Glaube. Tritt der physische Tod ein gilt es den Körper innerhalb von 24 Stunden nach Varanasi zu bringen. Es darf nicht länger dauern. Dies kann mit allen Transportmitteln geschehen und ist einzig und allein eine Frage der Zeit und natürlich des Geldes. Andernfalls wird der Körper eingeäschert und die Asche nach Varanasi gebracht. So oder so muss die Familie mindestens einmal im Jahr nach Varanasi kommen um der Seele Ehre zu erweisen. Bringt man die Asche nach Varanasi kann man diese eigenständig im Ganges beisetzen. Findet die Einäscherung in Varanasi statt, so ist der letzte Kontakt der Familie, wenn der Mensch ein letztes Bad im heiligen Flusswasser bekommt bevor die Verbrennung statt findet. Danach gelangt die Asche in den Fluss. Wir befinden uns an dem Haupt Krematorium- Manikarmika Ghat. Hier werden 24 Stunden an allen Tagen im Jahr Verbrennungen durchgeführt. An diesem Platz geschieht dies ausschließlich für Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Es gibt verschiedene Plätze wie diese in Varanasi. Die komplette Stadt ist am Ganges gelegen und man kann sie von dem ersten Ghat „Assi Ghat“ bishin zum letzten „Varuna Ghat“ laufen. Varuna und Assi sind jeweils Flüsse, die in den Ganges fließen und somit den Namen Varanasi formen. Zurzeit ist das Wasser zu hoch, sodass man nicht entlang der Ghats laufen kann. Diese bestehen aus Treppen, sodass man einen leichten und sicheren Zugang zum Fluss hat. Die morgendlichen und abendlichen Zeremonien „Aartis“ am Fluss sind derzeit auch eingeschränkt und Bootsfahrten können auch nicht statt finden. Man sagte mir, dass das einiges vom Charakter der Stadt nimmt. Sie hat mich trotzdem in ihren Bann gezogen. Als eine der ältesten Städte der Welt (11.Jh. v. Chr.) , als einer der wichtigsten Pilgerorte für Hindus und mit ihren über 2000 und mehr Tempeln eröffnet sie eine unbeschreibliche Tiefe. Benares, Banares oder auch Kashi sind ihre Namen.

 

Sky ist ein Freund einer Bekannten und hier geboren und groß geworden. Er macht Touren durch Varanasi und hat mir innerhalb von drei Stunden so viel über diese Stadt, Hinduismus und die Geschichte gezeigt und beigebracht. Das Erlebnis von dieser Art der Beerdigung war unfassbar tiefgehend und ruhig zugleich. Es war so friedlich. Es war so normal. Der Umgang mit dem Kreislauf des Lebens ist hier ein so anderer. Natürlich darf man traurig sein und seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. In einem Tempel zuvor kniete eine Frau vor einer Statue und weinte und wimmerte so laut, dass es jeder mitbekam. Es wird nichts zurück gehalten. Diese Stadt vibriert. An jeder Ecke findet man einen Schrein oder einen Tempel -groß wie klein. Als wir in die Altstadt fuhren bot sich ein erschreckendes Bild. Es sah aus, wie nach einem Erdbeben. Alles war in Schutt und Asche bis auf die Tempel, die einst in den Häusern waren. „Welcome to my house“, sagte Sky mit einem gequälten Gesicht. Ich schaute mich um. Das Rechteck ließ den Grundriss eines Hauses vermuten. Nun nur noch Gesteinsbrocken und Chaos. Die Regierung hatte beschlossen, die Tempel für alle zugänglich zu machen und deswegen musste ein großer Teil der Altstadt abgerissen werden.

v10

[Shiva Lingam. Diese kleinen Tempel waren in die Häuser integriert. Ich habe selten Fotos gemacht doch ab und an sagte Sky es sei in Ordnung.]

Den Menschen wurden ihre Häuser genommen. Einen finanziellen Ausgleich gab es aber der reichte nicht um sich Eigentum leisten zu können. Sky verlor sein Geburtshaus und zu Hause. Meine Erinnerungen an Varanasi sind schwer zu ordnen. Denke ich zurück steigt eine unfassbare Energie in mir hoch. Die Stimmung dort ist besonders. Mit Sky habe ich unglaubliche Orte gesehen, Geschichten gehört und konnte mir nur wenig merken. Doch das was geblieben ist, ist nicht zu beschreiben. Eine Stadt, die jeden Tag Feste feiert, weniger von westlichen Touristen durchflutetet ist, an jeder Ecke ihre Geschichte erzählt und ebenso vor Extremen strotzt.

v7

 

Mittwoch Morgen bin ich alleine los spaziert. Es gab ein wenig was zu erledigen aber ich konnte mich treiben lassen. So landete ich nach ein paar kleinen Gassen am „Tulsi Ghat“. Die Treppen führten hinunter zu Mutter Ganges. Männer und Frauen badeten und vollzogen kleine Rituale um Ganges zu ehren. Ich musste zweimal hinschauen als ich plötzlich einen nackten Busen erblickte. Männer in Unterhosen sind kein unbekanntes Bild am Wasser aber nackte Frauenkörper? Ich schmunzelte und beobachtete die Frau im reiferen Alter. Völlig unbefangen badete sie und hatte ihr Oberteil so wie den BH ausgezogen. Auch die Frauen neben ihr waren sehr unbefangen und es blitzte hier und da mal eine Brust hervor. Ich wurde mutig und ging hinunter zum Wasser. Ich krempelte meine Hose hoch und stapfte ins Wasser. Begoss meinen Kopf mit Wasser und staunte über diese schneeweißen Beine. Einzig und allein mein Flip Flop Abdruck auf dem Fußrücken verriet meinen Sommer in Indien. Ich lächelte die Frauen an und bekam ein Lächeln zurück. Ich setzte mich auf die Stufen und genoss diese zwanglose Atmosphäre. Doch nicht alles ganz so konservativ wie ich dachte. Stundenlang könnte man beobachtend zubringen. Während irgendwoher plötzlich Asche im Wasser kam planschten die Kinder umher und ein älterer Mann störte eine andere Frau bei ihrer Räucherstäbchen Prozedur als er sich an ihr vorbei schob um nicht den Halt zu verlieren. Drei jüngere Männer strotzten nur so vor Freude und Aufregung und wurden daraufhin von einem anderen Mann zurecht gewiesen, der dabei war eine Kokosnuss und Blüten ins Wasser zu geben. Man kann sich nicht satt sehen. Generell kommt es mir in Indien so vor als würde jede einzelne Person, die man sieht eine unfassbar spannende Geschichte erzählen können. Vielleicht, weil alles so anders aussieht für mich. Männer mit Tüchern auf den Köpfen, Frauen in bunten Gewändern, Kinder, die noch wie Kinder draußen mit Steinen spielen, der Chai-Verkäufer an der Ecke, der Riksha-Fahrer…die Männer am Fluss in ihren weißen Tüchern, die wie Hosen gewickelt sind. Wieder einmal empfinde ich diese riesige Demut, die in ein Gefühl der Vollkommenheit fließt. Ich darf hier sitzen und all das aufsaugen.

v9

[Shri Samrajeswar Pashupatinath Mahadev Mandir oder auch als Nepali Mandir bekannt. Einer der ältesten Tempel in Varanasi. Erbaut im 19. Jahrhundert.]

Mir ein Bild machen und das alles er-fahren, sehen, riechen, schmecken. Riechen vor allem. Und das nicht immer gut. Ich machte ein Experiment und schloss einmal auf der Straße meine Augen und ging weiter. Es war unglaublich, welche Gerüche da zum Vorschein kamen und wie man sich so orientieren konnte. Öffnet man die Augen gibt es zu viel zu sehen und die Sinne sind weit verstreut. Was ich besonders oft sehen kann sind pinkelnde Männer. Überall. Zu Beginn meiner Reise nach Indien habe ich mehr pinkelnde Männer als Kühe auf der Straße gesehen. Männer. Männer in Indien und Ich ist sowieso sehr spannend. Inzwischen habe ich einiges gelernt vor allem in Rishikesh. Meine Freunde dort haben mir viel erklärt und mich auch aufgeklärt. Denn es gab die ein oder andere Situation in der ich plötzlich ein komisches Gefühl hatte bei Männern, die plötzlich da waren und eine komische Energie hatten. Da darf man nicht zu höflich sein sonst wird man die nicht los. Lernprozess. Mein erster Morgen in Varanasi stellte mein Lernpotential auf die Probe. Ich war früh um 5 Uhr zum Fluss gegangen um die morgendliche Aarti Feier zu sehen. Es war unglaublich schön und ich schaute mir noch die Puja an. Eine kleine privatere Zeremonie bei der Mantras gesungen werden. Plötzlich stand ER da. Ein Mann offensichtlich aus Indien stammend, Mitte 40 und rief mich näher an die Zeremonie ran. Wo ich denn her komme? Unüberlegt wie ich manchmal bin antwortete ich. Deutschland. Die Deutschen seinen ja wie Kokosnüsse. Die deutsche Vorwahl ist +49. Sehr wortgewandt der Gute. Als ich das gestern meinen Freunden aus Rishikesh erzählte lachten sich die Jungs kaputt. Ich wusste gar nicht wie mir geschah, denn dieser er verstand es jemanden einzulullen und nicht zu Wort kommen zu lassen. Schwups hatte er mich in den engen privaten Kreis der Zeremonie gebracht. Nach der Zeremonie fegte er mit mir davon und beschloss es sei Zeit nun die Tempel anzuschauen. Ich solle einen Moment warten. Er bräuchte kein Geld von mir zu erwarten sagte ich ihm. Zu den beiden Tempeln wollte ich eh, sagte mein Kopf. Mein Gefühl sagte „Oh Sina, geh einfach.“ Schwups saß ich auf dem Motorrad und rollte innerlich mit den Augen, weil ich mich mal wieder fragte was ich denn da tue. Er ging mir nämlich auf die Nerven. Seine Hand tätschelte auch deutlich zu oft mein Knie oder meine Schulter für den indischen Anstand und auch den generellen Anstand, wenn man sich nicht kennt. Wir rannten durch die Tempel und der gute Herr fing an Pläne zu machen. Für diesen Tag und alle weiteren. Für wenn ich nach Delhi gehe und in andere Bundesstaaten. Er liebt die Deutschen. Ich solle mich entspannen. Er wäre nur so hilfsbereit, weil er die Franzosen so liebt. Ich sei Deutsche erinnerte ich ihn. Ach ja natürlich, er habe sich versprochen. Die Deutschen. Wie Kokosnüsse.

Nachdem er mir dann mitteilte wie ich meinen Tag verbringen sollte lenkte ich ein und teilte ihm mit, dass ich auch eigene Pläne habe und mit vielen Freunden hier bin. All seine persönlichen Fragen beantwortete ich mit meiner Phantasie. Wenn ich eins gelernt habe dann, dass man sich ruhig schützen darf und nicht die Wahrheit erzählen braucht. Den Fehler hatte ich vor einem Monat gemacht und mir ging es gar nicht gut, denn ich hatte zu viel von mir preis gegeben. Diesmal hatte ich eine Schutzmauer aufgebaut. Ich solle erst alles mit ihm machen und dann könnte ich ja meine Freunde sehen. Ich solle mich entspannen. Ich atmete tief und sagte ihm, dass ich mich melde und bescheid gebe. Endlich von diesem Motorrad runter ging ich zu meinem Gasthaus und fragte Naveen (Besitzer) um seine Meinung. Ich sei verwirrt. Schließlich ist das alles sehr nett aber ich habe kein gutes Gefühl. Naveen lächelte und sagte : „Sina du brauchst doch nichts machen, worauf du keine Lust hast. Es gibt hier komische Gestalten und vielleicht kenne ich den sogar.“ Da Er kein Whats App Bild hatte konnte ich es nicht überprüfen aber ich schrieb nett und bestimmt, dass es kein weiteres Treffen geben wird und dann blockierte ich den Kontakt. Er war ein typischer Menschen-Fänger für irgendwelche anderen Sachen, die er mir nach und nach dann verkauft hätte. So eine Begegnung hatte ich bereits und war diesmal etwas wacher. Trotzdem war ich erstaunt, wie ich mich manchmal einlullen lassen kann und das aus reiner Höflichkeit. Von da an lief alles wie am Schnürchen und ich hatte wundervolle Begegnung mit Menschen.

 

v4

[ Unser Besuch in Sarnath. Im Bild sind meine zwei Freunde und der Bell Tower Tempel zu sehen. Hier in Sernath hat Gautama Buddha zm ersten Mal Dharma (Ethik und Moral) unterrichtet. Die vier edlen Wahrheiten, die einen achtgliedrigen Pfad erläutern um Nirwana zu erlangen.Ein eindrucksvolles Museum zeigt Ausgrabungen und wundervolle Skulpturen. Wir haben uns gefragt, was von uns mal im Museum landen wird. Smartphones?]

Eine weitere Situation möchte ich jedoch noch mit euch teilen. Zum einen bin ich über mich hinaus gewachsen und zum anderen möchte ich jeden dazu ermutigen immer zu sagen, was empfunden wird, wenn es unangenehm ist.

In dem Hostel war ich mit zwei Schwestern aus Italien und einem Pärchen aus Italien. Am ersten Abend bereits hatte ich eine komische Unterhaltung mit dem Italiener. Es ging um das Kasten System in Indien und ich merkte nur an das ich gelernt habe, dass das Kasten System in seinem Ursprung nicht schlimm war und nicht in dem heutigen Ausmaß angedacht war. Ich gab nur wieder, was ich gelernt und gelesen habe um eine andere Perspektive zu bieten. Ich bezog mich weder darauf Recht zu haben noch auf die gegenwärtige Situation. Der Gute wollte jedoch einfach nur losdonnern und reagierte sehr laut und emotional und absolut an meiner Aussage vorbei. Er wollte seinen Senf loslassen. Gut ich ließ es so stehen und war über meine ruhige Art überrascht. Nun gut. Zwei Tage später bekam Bruna, eine der Schwestern, auf ihre Nachfrage eine Reiki Behandlung von mir. Morgens machten wir Mädels bereits zusammen Yoga auf dem Dach und hatten eine tolle Zeit. Wir sprachen abends über energetische Arbeit und ich erläuterte meinen Standpunkt. Meine Arbeit ist niemals mit Heilungsversprechen verbunden . Ebenso wenig besitze ich etwas, was andere nicht besitzen. Meine Energie arbeitet mit der Energie der anderen Person. Am nächsten Tag war ich allein mit dem Italiener auf dem Dach. Wir plauderten nett über die Vögel und Insekten, die uns so auffielen. Ich wollte grade gehen als er sagte. „I was thinking about Reiki. And I think what you do is disrespectful.“ Bums. Das saß. Ich blieb sitzen. In den nächsten Minuten versuchte ich zu verstehen, was er sagen wollte. Schließlich gilt das Wort „You“ im Englischen als das „man“ im Deutschen. Da ich häufig vieles zu persönlich nehme versuchte ich das in dieser Situation nicht zu tun. In dem Gespräch kam heraus, dass er selber Reiki 1-3 gemacht hat. Was ihm denn passiert sei, dass er so eine ablehnende Meinung darüber hat, fragte ich ihn. Eine wirkliche Antwort bekam ich nicht von ihm. Zusammenhangslose Fetzen, die mir irgendwie nichts brachten. In diesem Moment kamen seine Freundin und die Schwestern zu uns mit Essen. Die vier begannen zu essen und ich saß da mit einem schmerzlichen Gefühl im Magen. Mir war zum Heulen zu mute. Innerlich versuchte ich mich von seinen Worten zu lösen aber es machte mich sauer, dass er mit dieser überheblichen Art mit solchen Aussagen um sich wirft und ja scheinbar selber ein großes Problem hat. Bruna fragte mich irgendwann, was mir passiert ist. Daraufhin sagte ich laut, dass Enriquo eine Aussage getätigt hat, die ich nicht verstehe, die persönlich war und ich mich nicht gut fühle und es gerne verstehen würde. Ich wurde weder rot noch liefen Tränen. Eigentlich meine normale Reaktion, wenn ich in so einer konfrontativen Situation bin. Das gesamte Thema wurde dann mit allen anwesenden Personen besprochen und irgendwie erhielt ich keine Erklärung für seine Aussage. Es war also auch keine sprachliche Miss-Kommunikation. Doch nach einiger Zeit verflüchtigte sich mein mieses Gefühl und ich fühlte mich wieder gut. Ich hatte angesprochen, was mich getroffen hatte. Normalerweise wäre ich in mein Zimmer gegangen und hätte mich für den Tag dort verkrochen und dieses Gefühl mitgenommen. Durch das Aussprechen habe ich die Energie nach Außen getragen und sie neutralisiert. Darauf bestanden zu besprechen, was mir nicht gut tat. Als ich mich verabschiedete entschuldigte er sich sogar. Das war es nicht was ich wollte. Menschen können anderer Meinung sein aber meines Erachtens gibt es für solche Kommunikationen einen anderen Weg. Ich-Botschaften anstatt Frust abladen. Denn ich weiß nicht, was ihm geschehen ist aber er muss ja eine komische Erfahrung gemacht haben. Generell hatte ich das Gefühl, dass er irgendwie viel mit sich zu tun hatte und dadurch viel über seinen Ego kompensierte. Während ich das Schreibe setzt sich ein Mitarbeiter des Hostels neben mich. „Can I sit here?“ fragt er. Vielleicht sollte ich ihm meinen Schoß anbieten, denn es gibt keinen Centimeter Platz zwischen uns. Distanz ist hier so eine Sache und fordert mich einfach mehr und mehr dazu auf meine Grenzen klar zu machen. Keine Mauern zu ziehen aber zu sagen was okay ist und was nicht okay ist. Wir alle empfinden unterschiedlich. Wir brauchen uns aber nicht krank oder klein zu machen, indem wir Empfindungen nicht verbalisieren.

v3

Es war so bildlich, wie sich mein Gefühl im Magen auflöste, nachdem ich in absoluter Ruhe erläuterte, dass mich die Aussage von Enriquo verwirrte und ich das nicht so stehen lassen möchte. Vielleicht scheint diese Situation winzig zu sein aber ich erinnere mich an so viele Alltagssituationen, in denen ich das nicht tat. Und ich weiß von noch mehr Situationen meiner Familie und Freunde, denen es auch so ging. Viele dieser kleinen Situationen und Energien, die wir dann „in uns rein fressen“ machen auf lange Sicht sauer und krank. Sei freundlich, bestimmt und ehrlich. Sei dir selber dein eigener Freund, Klassensprecher und Demonstrant. Sei es in Liebe, Vergebung und Frieden.

v11

[Diese entspannte Hündin lag in einem Tempel-Eingang. Scheinbar war hier ein kleiens Feuerund die Asche noch warm. Ziemlich entspannt, wie die Zunge verrät.]

Ich möchte allen Indien-Reisenden einen Besuch in Varanasi ans Herz legen. Für mich persönlich war es eine unfassbar tiefgehende Erfahrung. Dem Hinduismus ein Stück näher und ebenso dem Kreislauf des Lebens. Die Hingabe, die die Menschen im Hinduismus ausüben ist unglaublich. Langeweile kann nicht aufkommen, denn es wird gefühlt jeden Tag etwas anderes gefeiert. Persönlich nehme ich den Hinduismus auch nicht als Religion sondern vielmehr als Lebens Philosophie wahr.

Auch auf die Frage, ob ich mich denn nicht komisch gefühlt habe alleine zu reisen kann ich ganz klar antworten. Es gab keine einzige Situation, in der ich mich unwohl gefühlt habe. Auf meiner 20 stündigen Zugreise zurück nach Rishikesh am Freitag wurde ich herzlich in eine indische Familie aufgenommen. Die 13 jährige Tochter stellte mich der gesamten Familie vor, die aus mindestens 25 Personen bestand. Mir wurde Essen angeboten, welches ich natürlich nicht ausschlug. Gespannt und begeistert beobachteten mich zehn Personen während ich alles probierte, was man mir anbot. Für längere Zugfahrten wird Essen vorbereitet. Auch wenn man im Zug bestens versorgt wird. (Geschälte und geschnittene Gurken, Kichererbsen Snacks, Getränke und auch warmes Essen kann man bestellen). Ich aß „dry food“. Quasi Gebäck in süßer so wie deftiger Ausführung. Praktisch zum vorbereiten und verreisen. So wurde die ganze Mannschaft versorgt. Ob ich nicht mitkommen möchte nach Haridwar und die Tage mit der Familie verbringen möchte. Ich zögerte kurz, weil deren Ausflug ganz spannend klang aber ich entschied mich für Rishikesh. Begeistert wurde auch mein 20 Euro Schein begutachtet, den ich noch bei mir hatte. Ich habe auch noch nie so oft von meiner Familie gesprochen oder Fotos gezeigt in Gegenwart mir fast Unbekannter. Doch das Interesse ist so groß und mit voller Stolz zeige ich dann meine verhältnismäßig kleine Familie via Fotos, Videos und Erzählungen.

Die typischen Fragen sind Folgende:

Are you married? How old are you? Where are you from? What do you do in India? What is your profession? How big is your family? What does your father work?

Man lernt sich direkt super gut kennen und das Interesse an meinem Heimatland ist ebenso groß wie mein Interesse an Indien.

v2

Eine ganz spannende Sache fällt mir noch aus der Unterhaltung mit Neha ein: Als wir über die Berufe unserer Eltern sprachen fragte Neha mich, wer denn zu Hause kocht. Ich antwortete, dass meine Mama kocht. Wer denn abspült und die Wäsche macht fragte sie mich. Ich zögerte kurz und sagte, dass mein Papa sehr engagiert im Haushalt ist aber meine Mama neben ihren zwei Jobs eben auch noch den Part der Hausfrau übernimmt. Sie schaute mich ungläubig und mit großen Augen an. Bei Neha zu Hause arbeitet eine Frau, die im Haushalt mit hilft. Und das ist hier in Indien so üblich. Bei uns muss man dafür schon einen gewissen Standard haben um sich eine Haushaltshilfe zu leisten oder es ist nicht so üblich. In Indien ist es relativ üblich, dass man als Familie der mittleren Schicht Haushaltshilfen hat. Ebenso in den Restaurants und Cafés sowie Yogaschulen findet man immer sehr viele Menschen, die in die Arbeit involviert sind. Meistens zu sehr geringen Löhnen, Essen und manchmal eben auch einem Schlafplatz. Der Lohn für Arbeiter aus der Gastronomie liegt zwischen 6000 und 10000 indischen Rupies. Also zwischen 468 und 780 Euro monatlich für eine Vollzeit Stelle. Das sind Angaben, die ich hier in Rishikesh mitbekommen habe. Das gilt natürlich nicht für ganz Indien. Die Arbeitsbedingungen und Löhne schwanken wahrscheinlich enorm. In manchen Yoga Schulen arbeiten junge Jungs/Männer, die dafür im Gegenzug Yoga lernen und umsonst dort leben und essen können. Arbeit und Leben verschwimmt hier oftmals. In dem Hostel, in dem ich mich jetzt befinde schlafen die drei Jungs auch hier. Gestern Abend haben wir zusammen gegessen und uns unterhalten. Für sie ist es eine Möglichkeit Englisch zu praktizieren und eben auch Arbeitserfahrung. Selbst wenn man genug Geld hat um zu reisen, so sind die Visa Bestimmungen unter aller Kanone für Menschen aus Indien. Eine Regelung, die ich nicht nachvollziehen kann und mir wieder einmal zeigt, wie privilegiert ich mit meinem deutschen Pass bin. Mit einem Pass aus Israel darfst du beispielsweise nicht nach Bali reisen. Viele Länder haben kein Work+Travel Visa Abkommen mit Kanada, Australien und Neuseeland. Als Europäer oder eben speziell aus Deutschland stammender Mensch stehen einem diesbezüglich alle Türen offen. Jedoch ist Indien wie ein eigener Kontinent und bietet so viel. Aber natürlich ist die Sehnsucht groß einmal nach Europa oder Amerika zu reisen. „Your country is so developed“ sagt man mir so oft. Ja denke ich mir…aber im Zug würde man sie niemals zum Essen einladen. Bei uns wird Containern (Essen, dass von Supermärkten nicht mehr verwendet wird, gelangt in Abfall-Container. Diese Lebensmittel dürfen nicht verwendet werden. Man macht sich sogar strafbar, wenn man sich an diesem Abfall bedient.) als Straftat geahndet und ich habe noch von keinem öffentlichen Ort gehört, an dem ganztägig umsonst Essen für alle verteilt wird. Ja wir haben geteerte Straßen, irgendwie einen anderen Standard, weniger Armut, ein Sozialsystem… aber das was ich hier an Menschlichkeit und Offenheit erlebe ist mir in Deutschland noch nie begegnet. Aber man kann Indien und Deutschland nicht vergleichen und das möchte ich auch gar nicht. Es ist nur immer absolut spannend zu sehen, wenn Menschen aus Indien von Deutschland fasziniert sind während ich in Indien bin und fasziniert bin. Wir können voneinander lernen und eine Fusion ist glaube ich eine sehr gute Sache nur leider wird dann der Kapitalismus weiter zunehmen. Der ist jedoch so oder so auf dem Vormarsch in all den Ländern, die für uns noch so wunderbar simpel sind. Doch auch in Indien sind die Menschen darüber im Klaren und reden all zu oft davon, wie schön es auf dem Land ist. Simple life.

Varanasi

Nun gut nun bin ich seit Samstag wieder in Rishikesh. Nur für eine Woche. Es war schön wieder anzukommen. Alles aus einer anderen Perspektive zu beobachten und erleben. Menschen wieder zu sehen und zu merken, dass man irgendwie ein bisschen heimisch geworden ist. Das Café läuft super gut und Sach ist richtig gut beschäftigt. Ich bewundere seine ruhige Art. Kinder, Tiere, Gäste – manchmal echt ein richtiges Chaos aber er ist immer freundlich und ruhig, hilft allen und trifft so viele Menschen. Diesmal wohne ich auf der anderen Seite des Flusses und bin deutlich näher am Wasser. So kann ich jeden Tag in das wunderschöne Ganga-Wasser hüpfen. Ich bin am packen und vorbereiten um am Samstag den 19.10 für längere Zeit zu gehen. Zusammen mit Thuli werde ich via Zug nach Delhi reisen. Dort dann bis zum 22.10 bleiben und dann nach Thailand fliegen. Ja ich fliege. Ich weiß- eine riesen Diskussion könnte man auch zu diesem Thema lostreten. Vielleicht mache ich das auch mal. Allzu oft habe ich mich innerlich schon gerechtfertigt und Argumentationen mit mir selber begonnen. Ich kann es mir schön reden und Beispiele finden, die deutlich schlimmer sind. Ich versuche meine Reise so bewusst wie möglich zu gestalten und habe in den letzten sechs Monaten so viel Klopapier, Zewa und Taschentücher wie noch nie eingespart. Kaum Plastik oder „To-Go“ Verpackungen genutzt. Es entwickelt sich eine Bewusstheit auch unter Reisenden und trotzdem reisen die meisten mit dem Flugzeug. Das ganze Spektakel der letzten Wochen hat mir persönlich eine Sache gezeigt: Von lauten Diskussionen über eine Person geschieht wenig, Analysen und Gemotze bewirken im jeweiligen Moment auch wenig, andere verantwortlich machen oder anschwärzen für ihr Verhalten bringt ebenso wenig. Es ist wie immer : Die eigene Person. Was kann ich jetzt in dieser Sekunde tun um das Wertvollste zu kreieren? Auf was kann ich verzichten und wie kann ich persönlich als Konsument meine Meinung abgeben. Denn wir geben eine klare Stimme ab mit unserem Kaufverhalten. Von A bis Z. Man braucht nicht viel zum Überleben und weniger ist ganz klar mehr. Umso mehr wir ansammeln und konsumieren umso wenig können wir uns selber spüren, sind mit dem Kopf so viel abgelenkt.

Ich habe mich jedenfalls ganz bewusst für einen Flug nach Thailand entschieden, denn dort habe ich das große Glück zwei Wochen mit Ava verbringen zu können. Das war die Bedingung. „Sina, wenn du abhaust dann aber nur, wenn wir uns spätestens nach sechs Monaten wieder sehen. Egal wo.“ So oder so ähnlich war die Ansage und ebenso mein Wunsch. Darüber hinaus werde ich auch Jenni in Thailand treffen, da sie vor Ort arbeitet. Somit habe ich ein paar traumhafte Wochen vor mir und freue mich sehr Thailand nach sechs Jahren neu zu entdecken. Anfang/Mitte Dezember geht es dann wieder nach Indien.

 

In diesem Sinne sende ich liebste Grüße aus Rishikesh und melde mich alsbald mit neuen Eindrücken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: