Gedanken einer Woche.

Es kracht. Ich schrecke hoch und schaue mich um. Nach wie vor bin ich alleine in unserem Yoga-Salah. Nur ich auf meiner Matte und mein Notizbuch. Die Vorhänge wehen wild durch die Gegend. Der Wind am frühen Morgen ist genau so wild und stürmisch wie der am Abend. Als würde er die Wende des Tages verkünden und die Energien neu vermischen. Es kracht wieder und diesmal befürchte ich, dass mir etwas auf den Kopf fällt. Das wäre übrigens nicht das erste Mal. Vor ein paar Tagen fiel mir ein Stein auf den Kopf. Kann ja mal passieren bei den Baustellen hier. Alles gut gegangen aber seit her bin ich doch etwas vorsichtiger bei Allem was von oben kommt. Es wird getrampelt und das Geräusch bewegt sich schnell und stark über mir auf dem Dach. Im nächsten Moment sehe ich das Rumpelstilzchen vor der offenen Balkontür. Ein Äffchen mit rotem Poppöchen stolziert daher. Ich muss schmunzeln und widme mich wieder meinen Vorbereitungen. In fünfzehn Minuten kommt Soraya dazu und dann wird gemeinsam geübt. Es ist unser freier Sonntag und wir haben uns verabredet. Ich darf an ihr meine erste Yoga-Stunde üben. Morgen beginnt die vierte und somit auch letzte Woche für die 200-Stunden Ausbildung. Es stehen also Prüfungen an in Form von angeleiteten Stunden und auch schriftlichen Prüfungen. Die Möglichkeit mit einer mir vertrauten Person zu üben ist ein Geschenk und bereitet mir auch Freude. Mir fehlen meine Vorbereitungen für die monatlichen Medi-Abende. Ich bemerke, wie ich vor Ideen sprudele, Yoga-Stunden vorzubereiten und lasse auch direkt ein paar Dalmanuta-Elemente mit einfließen. Generell merke ich wie sehr mir diese Ausbildung geholfen hat mich nicht davor zu scheuen vor Menschen zu sprechen. Die gesunde Portion Respekt und Aufregung gehört natürlich dazu aber es ist nicht mehr diese panische Angst. Damit einhergehend lerne ich hier immer mehr, dass ich mich weniger um die Gedanken anderer scheren darf. Denn das nimmt so viel Energie und Potenzial in Beschlag. Der Fokus auf die eigenen Möglichkeiten und die eigene Wahrheit richten, ohne andere Wesen absichtlich zu verletzen. Man kann es nicht jeder Person oder jedem Wesen recht machen aber mit der Intention der Liebe kann man den Weg für sich finden.
Es kracht erneut. Diesmal liege ich auf dem Bauch und mein Körper ist in Öl gehüllt. Es kracht noch einmal und ich spüre eine wohltuende Entspannung. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich mein Rücken war, der dieses Krachen von sich gab oder ob es Swatis Finger waren. Ein erneutes Drücken und Kneten nimmt mir kurz den Atem und ich grinse, denn dieser Schmerz bringt mich immer wieder zum Lachen. Ist er doch so herrlich gemein- wie eine tiefgehende Dehnung. Swati darf ich einmal die Woche für eine Stunde besuchen und dann steht eine ayurvedische Massage an. Das ist Bestandteil unserer Ausbildung beziehungsweise dem Paket. Die Gedanken kreisen so herrlich leicht umher während mein Körper bearbeitet wird. Hat er sich verdient, denke ich mir. Meine Kraft hat stetig zugenommen. Mental wie auch körperlich. Als ich hier ankam war ich ein ganz schöner Lauch. Dreimal Fieber hat sich bemerkbar gemacht und das Reisen an sich ist ja nicht sonderlich Bewegungsintensiv. Aber nun nach drei Wochen fühle ich mich gut und bemerke Veränderungen auf allen Ebenen.
Wir summen. Wir summen und es kullern Tränen. Zum Glück haben alle ihre Augen zu denke ich und kann beim besten Willen nicht weiter summen. Mit verschlossen Augen und Ohren sitzen wir um 06:30 morgens im Pranayama-Unterricht. Eine bestimmte Atemtechnik macht uns zu kleinen Bienen und gefällt mir sehr gut. An diesem Morgen jedoch entdecke ich, wie tief so etwas gehen kann. Das Leben hält immer wieder Erlebnisse und Begebenheiten parat, die einen aus der Bahn werfen können. Das eine Atemtechnik das dann freilegt und mir meine Kontrolle nimmt, ist neu für mich. Wie wird das dann nur im Yoga-Unterricht, denke ich mir. Schließlich erleben wir in all diesen Techniken eine Freilegung unserer verschiedenen Lagen, eine Reinigung, ein Loslassen von Verbissenheit. Keine Atem- oder Körperübungen für mich heute, beschließe ich und ziehe mich zurück. Jeder Tag ist anders und an manchen bedarf es Rückzug und Ruhe, Zeit mit Dir. Ganz gleich wo man ist.
Die Mägen knurren. Unsere Mägen knurren und wir stehen in dieser kleinen Küche und schauen begeistert unserem Lehrer zu. Unser Lehrer an diesem Abend ist der wunderbare Koch von dem kleinen Garten-Lokal namens „MANGO-TREE-GARDEN“. Ein kleiner lauschiger Ort ganz nah an unserer Schule. Hier kann man wunderbar draußen im Schatten lernen und köstliche Getränke und Speisen verzehren und das sogar in sehr guter Qualität und auf Wunsch auch in veganen Alternativen. Yippieh. Freitag Abends darf man dem Koch, dessen Namen ich leider nicht parat habe, über die Schulter schauen, mithelfen und anschließend Essen. Wir haben uns für „Kichari“ entschieden. Eine Art Dahl/Eintopf aus Mungo-Bohnen, Reis und Gemüse. Ich muss zugeben, dass vieles für mich vertraut war und doch habe ich sehr viel über die einzelnen Zutaten und die Zubereitung gelernt. Die wichtigste Zutat: Zeit. Denn Essen, welches in Stress und Eile zubereitet wird überträgt eben auch diese Schwingung. Selbiges geschieht ja auch bei Fleisch. Ohne eine Debatte zu eröffnen – das sind alles nur meine Eindrücke und Erfahrungen. Neben dem Kochen haben wir also auch viel über die ayurvedische Kochweise und Anschauung gelernt. Wir kochten also mit viel Zeit, einem leckeren Rote Beete- Spinat Saft (endlich wieder Entsaften – yippieh) und tollen Gesprächen. Der Besitzer ist ein junger Mann, der aus einem sehr gefährlichen Ort kommt, wie er sagt, und stetig seinen Weg gegangen ist ohne Erwartungen oder Gier. Sein Leben hat ihn nach Rishikesh gebracht und seit einem Jahr hat er dieses friedliche Örtchen eröffnet. Wir sind fasziniert von seiner Ruhe und dem Zuspruch, dass man nicht reich sein muss um sich zu verwirklichen. Im Gegensatz- weniger ist manchmal mehr. Weniger Pläne und Ressourcen eröffnen einem andere Wege. Die Wege der Bestimmung oder auch die des Lebens. Bin ich stets verplant, bin ich nicht offen für all die anderen Möglichkeiten, die es neben meinem einen Plan gibt. Mal wieder kann ich mir einiges hinter die Ohren schreiben.

Schweißgebadet.  Schweißgebadet wache ich auf und sehe Ihn neben mir. Ganz deutlich ist Shiva neben mir. Der Gott, der Zerstörung. Ich schrecke auf und stürze weinend aus meinem Bett. Ich taumle und weiß in selbiger Sekunde nicht mehr ab wann Wirklichkeit und Traum eine Grenze ziehen. Shiva – der Gott welcher für die Zerstörung steht. Die Zerstörung für Neues, für Gutes. Shiva löst auf und ist gütig. Er steht im Zusammenhang mit der Schöpfung, denn für Neues muss Altes aufgelöst werden.

Der Traum hat mich verwirrt und gleichzeitig wach gerüttelt. Wachgerüttelt für die verschiedenen Götter. Zwar habe ich mich immer wieder einmal mit ihnen auseinander gesetzt aber das „Verehren“ nie so ganz verstanden. Götter verehren klingt so unterwürfig. Und doch kann ich jedem nur ans Herz legen sich da vielleicht mal ein wenig einzulesen. Es geht um die Geste etwas oder jemanden zu ehren und gleichermaßen tut man sich selber damit etwas Gutes. Die verschiedenen Götter haben unterschiedliche Qualitäten und so kann man sich für jeden Tag neu ausrichten. Das geht natürlich auch mit Affirmationen und eigenen Mantren. Eine Figur oder ein Wesen zu haben mit entsprechenden Fähigkeiten und einer bestimmten Geschichte kann jedoch sehr unterstützend wirken. Ich hab ein Buch mit einer Auswahl an weiblichen Göttinnen und schaue so gerne, welche Göttin an entsprechenden Tagen in mir aktiviert werden möchte. Die männliche Energie ergibt sich dann aus den männlichen Göttern für eine entsprechende Balance. In Indien gehört das zum Alltag und in jedem Taxi hängen verschiedenste Bilder von Göttern. Es hat jedoch keinen unterwürfigen Beigeschmack und scheint auch nicht dogmatisch. Die ersten Gedanken am frühen Morgen sind so entscheidend für den Verlauf des Tages und dein eigenes Befinden. Vielleicht kann die Verbindung mit einer entsprechenden Figur helfen. Vielleicht auch einfach die Frage „Welche Qualitäten eines Tieres wären heute hilfreich für mich?.“ Und dann mach sie dir bewusst. Manifestiere sie für dich. Früh morgens ein paar Gedanken aufzuschreiben ist ebenso ein sanfter Start in den Tag. Frisch nach dem Schlaf ist der Kopf noch leer. Die Gedanken des vergangenen Tages sind verzogen und du bist besonders intensiv verbunden.

Mal sehen was ich davon morgen früh halte, denn der Wecker klingelt in weniger als fünf Stunden. Das wird eine knappe Nacht. Da wird die Verbindung zum Bett vielleicht doch stärker sein als zu mir selbst 🙂

Energien.

Donnerstag – 23.05.2019

Du schlägst die Augen auf. Ein neuer Morgen, ein neuer Atemzug, ein neuer Tag gefüllt mit so vielen Sekunden, die von dir gelebt und gefüllt werden wollen. Die Energie, welche du am frühen Morgen lebst wird sich auf deinen restlichen Tag auswirken. Wie oft dachte ich hier bereits „Ach eigentlich macht es nichts, wenn ich um sechs nicht zum Unterricht gehe.“ Dann bin ich doch gegangen und nach 2,5 Stunden war meine Energie aufgeladen und ich zufrieden in Körper und Geist.
-Du bist immer da. Die kleine Stimme im Kopf-. Ich schrieb dir einst einen Brief. Einen Brief an mein Ego-Männchen (stelle mir eine kleine Zwergen-artige Gestalt vor) , der sich breit in meinem Bauch gemacht hatte und mir Schmerzen bereitete. Ein kleines schwarzes Wesen, welcher sich unteranderem immer dann meldete, wenn es darum ging Energiefördernde Dinge zu tun. Besonders vor Yoga- oder Meditationseinheiten. Vielleicht kennst du das. Das Gefühl, welches dich abhalten möchte von eigentlich sehr wohltuenden Dingen. Ich erkannte es als versuchte Blockade bei meinem persönlichen inneren Wachstum. Wachstum auf nicht greifbaren Ebenen. Denn nach jeder Begebenheit, die versucht wurde geblockt zu werden, spürte ich einen Wachstum. Nicht sichtbar in Muskeln, Geld, Noten, Eigentum oder Auszeichnungen. Ein Wachstum in deiner eigenen Anbindung an dich selber.

So können Tage also gefüllt mit Energie beginnen. Man nimmt alles mit, bewegt sich super viel und fühlt sich einfach unschlagbar. Und doch ist das alles veränderbar. Größere wie auch kleinere Ereignisse können deine Energie, dein Befinden verändern – und da kann auch kaum ein Notfallplan helfen. Das uns immer wieder Ereignisse im Leben begegnen, die uns aus der Bahn werfen, ist unumgänglich. Die Frage ist, wie gehst du in diesen Momenten mit dir selber um? Machst du dir Vorwürfe, fällst du unaufhaltsam, suchst du die Schuld, was empfindest du und wie richtest du dich aus?
In den drei Wochen hier habe ich uns alle beobachten dürfen. Die anderen ebenso wie mich selber. Jeder Mensch hat einen eigenen Umgang mit Gefühlen, Begebenheiten und den persönlichen Herausforderungen. Hierbei geht es meines Erachtens auch nicht um das, was etwas auslöst sondern um den Umgang mit dir, mit mir selber. Frustration und Vorwürfe sind schneller akzeptiert als Verständnis und Sanftheit. Umgekehrt sind diese beiden Faktoren, die ersten, die wir unseren Mitmenschen entgegen bringen, wenn sie sich uns anvertrauen. Wieso ist es so herausfordernd, sich selber ein guter Freund, eine gute Freundin zu sein? Selten würden wir sagen : “ Sei nicht traurig. Stell dich nicht so an. Steh auf und ignorier deinen Körper. Kannst du bitte deine Gefühle nicht so ausleben. Das könntest du aber auch besser machen.“

Neben den einzelnen Unterrichtsstunden und Lehreinheiten sind wir uns selber auch sehr wichtige Lehrer. Mal unbewusst und mal sehr bewusst. Ohne allzu viel Ablenkung und in einem festen Rahmen kommt man sich in dieser Wohn- und Lernform sehr nahe. Die Yoga-Praxis auf der Matte ist ein riesen Lernfeld. Zwar auch für den Körper aber in erster Linie für den Kopf. Vergleichen, Verurteilen, Bewerten, Belächeln und Hinterfragen. In erster Linie sich selber. Denn wenn ich mich mit der überaus flexiblen Mariana vergleiche, dann ist das zu meinem Nachteil. Sie bekommt davon nichts mit und die Geschichte spielt sich einzig und alleine in meinem Kopf ab mit dem Resultat, dass ich die Balance verliere. Parallel spielt sich in ihrem Kopf eine andere Geschichte ab und in jedem weiteren Kopf ebenso. Auf der Matte passiert nichts anderes als auch sonst in unserem Leben. Geschichten und Stories spinnen sich in Form von Gedanken zusammen. Mal konstruktiv und mal destruktiv. Was ist also das, was die Menschen so an Yoga fasziniert? In unzähligen Stunden habe ich mich hinterfragt. Wieso mache ich etwas, das mir so viel abverlangt. Krafttraining im Fitnessstudio war für mich so viel leichter. Man muss sich auch motivieren aber der Effekt ist so viel schneller da und großartig mit etwas auseinander setzen musste ich mich da auch nicht. Musik an, Kopf aus und ab ans Eisen. Ich möchte das Training im Fitnessstudio oder jegliche andere Sportart nicht abwerten. Mir persönlich macht das nach wie vor Freude jedoch erlebe ich nochmal intensiver der Unterschied. Auf der Matte bist du im Moment mit dir, deinen Gedanken, deinem Körper und jeder Faser. Es ist eine permanente Konfrontation mit den eigenen Grenzen und dem Zirkus im Kopf. Parallel dazu bringt es dich in den jetzigen Moment. Es ist kaum möglich über die Zukunft oder Vergangenheit nachzudenken. Probiere es aus und du wirst es schnell spüren, denn es wird dich aus deiner Bewegung katapultieren. Du bringst so viele Elemente in Einklang und aktivierst ein ganzes Universum. Die Intensität der einzelnen Asanas ist unglaublich und ich habe sie noch nie so kennen gelernt oder ausgeführt. Eine Wissenschaft für sich und immer mehr begreife ich, dass die oft so geliebte Schnelligkeit in Bewegungen schaden kann. Wieso muss immer alles schnell und dadurch super intensiv sein? Woher kommt dieser Drang dazu immer schneller werden zu müssen? Und ich beziehe das nicht nur auf die Körperübungen im Yoga. Bringt uns diese Eile, diese Schnelligkeit und der Stress nicht weg von unserer natürlichen Intention Dinge auszuführen und zu machen? Ich darf hier allen Themen meines Lebens begegnen und es kommen neue Themen hinzu. Es ist auch die Erkenntnis aus diesen Themen etwas zu kreieren, denn sie sind nicht ohne Grund in mein Leben getreten. Ich hab nicht ohne Grund gelitten und viele fragwürdige Dinge gemacht und erlebt. Es ist nun umso mehr die Zeit das alles als Geschenk zu sehen. Ich beziehe die wunderschönen Erlebnisse ebenso mit ein doch sind unsere Lernerfahrung selten ein Eis am Strand gewesen. Es ist die Zeit der Transformation. Es ist die Zeit der Kreation und Kraft. Und das wünsche ich dir ebenso. Es gibt keinen Lebensabschnitt oder den richtigen Zeitpunkt. Es gibt nur Einatmen und Ausatmen. Mach dir jeden Morgen bewusst, wie wertvoll es ist, dass du an diesem Morgen die Augen aufmachen darfst. Ebenso wie der Mond und die Sonne sich abwechseln, ebenso wechselt sich alles in deinem Leben ab. Verpasse keine Gelegenheit aus deinen Tälern einen wunderschönen Weg zu kreieren. Jeden Moment ist das möglich. Es ist deine Energie, die du leben und verändern kannst. Im Außen gibt es nichts für eine langfristige Heilung oder ein langfristiges Wohlbefinden. Es ist in dir, in mir, in uns allen. Aber finden kann es jeder und jede nur für sich all-ein.

Shanti – Shanti

Shanti Shanti – dieser Ausdruck begegnete mir in Manali bei unserer kleinen Wanderung. Amna sprach davon, dass sie hier das „Shanti Shanti“- Gefühl hat. Mhm gut Shanti kenne ich aber das Shanti Shanti- Gefühl? Nach ein wenig eigen Recherche war ich dann schlauer. Das besagte Gefühl beschreibt die befreiende Empfindung, wenn man nach Indien kommt. Shanti steht für Frieden und wird hier auch als „immer mit der Ruhe“ benutzt. Auf diesen magischen Kick habe ich von Beginn an gewartet und ihn nicht erfahren. Heute morgen am Mittwoch den 15. Mai 2019 lernte ich besagtes Gefühl kennen. Die Nacht war mit weniger als fünf Stunden relativ kurz. Ich praktizierte meine Routine, welche mich sofort wach machte. Drei verschiedene Atemtechniken und ich war wach. Wie gesagt – Kaffee benötige ich eh nicht mehr 🙂 Bevor die erste Stunde um sechs Uhr losging hatte ich noch ein wenig Zeit. Unser Yoga-Raum ist umgeben von einem Balkon. Auf diesem Balkon genoss ich die kühle Brise, welche von den Bergen her wehte. Meine nackten Füße auf dem kühlen Boden und mein Kopf in der frischen Luft. Ringsherum die grünen Berge, der Wasserfall, die Aussicht herab ins Tal, wo irgendwo der Ganges fließt. Alles wachte langsam auf, von irgendwoher hörte ich eine zauberhafte Version eines Mantras. Hier und da bewegten sich Menschen an den umliegenden Häusern. Und dann war es plötzlich da – dieses Gefühl in der Brust, welches sich in meinem gesamten Körper ausbreitete. Ein Gefühl des Friedens. Ein Gefühl des Da-seins. Nach über einem Monat Indien, nach über zwei Wochen Rishikesh und nach 1,5 Wochen in der Yoga-Ausbildung war ich für diesen Moment komplett da, eins und spüre nach wie vor diesen Frieden. Indien war von Beginn an ein Geschenk, eine Offenbarung und ein absolut positives Abenteuer. Mein Ankommen in all meinen Körpern und Ebenen hat ein wenig länger gedauert und war nicht ganz unkompliziert aber ich hatte nie Angst oder riesige Zweifel. Nun will ich nicht wieder von Kranksein berichten – es ist nur so viel zu sagen: Die erste Woche in der Yoga-Schule war nicht von meiner besten gesundheitlichen Verfassung begleitet wodurch ich an drei Tagen jegliche Anstrengung hab sein lassen und mit einem Ayurvedischen Therapeuten gesprochen habe. Seither ist es stetig bergauf gegangen und seit zwei Tagen fühle ich mich richtig gut und spüre, dass mein Körper wieder zu Kräften kommt. Das was ich hier erleben durfte war meines Erachtens ein völliges Ankommen. Nicht nur körperlich. So viele Prozesse kommen hier in Gang und äußern sich natürlich physisch. Das Gefühl heute morgen war vielleicht eben genau das: Ein Ankommen. Es ist unglaublich, dass bereits die zweite Woche der Ausbildung begonnen hat. Jeder Moment ist so einmalig, besonders und von diesen Momenten gibt es so viele. Das Einleben hier ging wirklich schnell. Heute verlassen uns bereits die ersten Teilnehmer. Die Gruppe besteht aus Retreat-Teilnehmern (10-14 Tagen), 200 Stunden Auszubildenden, 300h Auszubildenden und 500h Auszubildenden. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt. Süd-Afrika, Venezuela, Spanien, Kolumbien, Mexiko, Brasilien, Indien, Ägypten, Argentinien und ich bisher als einzige aus Deutschland. Mal wieder merke ich, wie schön es wäre Spanisch sprechen zu können. Wir sind sehr schnell zu einer kleinen Familie geworden und jeder gibt auf jeden Acht. Da eigentlich alle in der ersten Woche mit irgendetwas zu kämpfen hatten, wurde sich abwechselnd gekümmert und auch das Team der Schule ist sehr fürsorglich. Unser Stundenplan ist prall gefüllt und doch haben wir auch freie Stunden für selbstständiges Lernen oder sonstige Beschäftigungen. Das die Schule etwas außerhalb und zwischen den Bergen liegt, offenbart sich als Segen. Man ist so nah an der Natur und etwas weiter den Berg herauf gibt es eine kleine versteckte Stelle zum Erfrischen. Das Quellwasser bietet kleine versteckte Wasserbecken und der Weg dorthin ist eine schöne Strecke bergauf für etwas Bewegung zwischendurch. Obwohl wir morgens 90 Minuten und abends 90 Minuten Yoga-Praxis haben fehlt die Bewegung zwischendurch, denn wir sitzen in den weiteren Stunden primär. Morgens, mittags und abends werden wir kulinarisch bestens vom Küchen-Team versorgt. Man würde ja denken bei 45 Grad Außentemperatur würde der Appetit etwas gebremst werden aber dem kann ich nicht zustimmen. Wir sind alle sehr hungrig und freuen uns über die ayurvedisch-indische Küche. Hier werden Körper, Geist und Seele beansprucht und ich glaube das macht hungrig. Da wir Yoga-Praktizierende sind ist das auch kein Problem. Als „richtiger“ Yogi braucht man gar nicht mehr so wirklich Nahrung in dem Ausmaß. Aber ich glaube das ist auch nicht unser Bestreben bzw. wäre es eine riesige Herausforderung den hundertprozentigen Weg als Yogi zu gehen. Es ist unglaublich interessant zu lernen ,was und wie die Yogis praktizieren. Immer wieder sieht man sie auch, wie sie sich auf den Weg zurück in den Himalaya machen. Dort leben viele von ihnen zurückgezogen in Höhlen. Bei unseren Touren haben wir die Männer gesehen, wie sie in ihren orangefarbenen Roben und nur mit einer Tüte und einem Wasserkrug bepackt die Straßen entlang zurück ins Gebirge wanderten. Meist barfuß und in kleinen Gruppen. Sie leben ein Leben fernab von materialistischen Dingen und praktizieren all die wunderbaren Wege des Yoga. Das was ich hier lernen darf ist ein kleines Herantasten. Es fühlt sich an als wäre ich eine kleine Raupe und hätte ein einziges Blatt eines riesigen Baumes probiert – ich würde aber am liebsten alle Blätter probieren. 6-7 Uhr: Pranayama und Meditation 7-8:30 Uhr: Hatha-Yoga Frühstück 11:-12:00: Korrektur und Haltung Mittag 14-15:00 Uhr: Anatomie 17:00-18:00 : Philosophie 18:00-19:30: Multistyle-Yoga Abendessen So in etwa sieht mein derzeitiger Tagesplan aus. Es wird noch eine Stunde hinzu kommen sobald der Mantra-Lehrer wieder zurück aus Bali ist. Ebenso können wir die anderen Stunden besuchen, die für die anderen Ausbildungen angeboten werden. Anfangs dachte ich ja, dass drei Stunden Yoga am Tag überhaupt kein Thema sind. Weit gefehlt. Ich fühle mich manchmal als hätte ich noch nie Yoga gemacht. Gleichzeitig begreife ich immer und immer mehr, dass der körperliche Teil, ein ganz kleiner Teil des Gedanken „Yoga“ ist. Diese Erfahrung berührt und fasziniert mich ungemein. Hier in Indien, in der Kultur, in den alten Schriften – den Veden – ist ein so großer Schatz vorhanden. Immer mehr hinterfrage ich vieles der westlichen Welt und wie uns viele Entwicklungen von unserem Ursprung entfernen. Kurz um – meine vorigen Ansichten, Fragen, Zweifel und Interessen finden hier einen riesigen Anklang und ich darf seit Tag eins in Indien so viel lernen und werde immer reicher an Wissen und Erfahrungen, die sich so gut anfühlen. Zwei Monate Ausbildung fühlen sich beinahe zu kurz an und so kreisen meine Gedanken schon darum, wie ich meine eigene Praxis und all das Wissen intensivieren kann. Im nächsten Augenblick werde ich mir dann aber wieder über den gegenwärtigen Moment bewusst und versuche alles im Hier aufzusaugen. Die Zukunft kommt schon – da brauch ich mir keine Gedanken drum zu machen. Zudem möchte ich hier den Raum nutzen das Leben geschehen zu lassen und die Magie zu erleben, welche sich durch das „Fließen lassen“ ergibt. Viele Jahre hab ich alles geplant – davon nehme ich hier Abstand und probiere den anderen Weg.

 

Heilung und Manifestation.

02.Mai 2019

Mach dir bewusst, dass dein Leben hier auf dieser Erde, in diesem Moment, eine kurze Er-fahrung ist. Sie vermag dir lang vorkommen und doch vergeht sich vergleichsweise rasant. Ebenso wie dein Puls, ebenso wie Ebbe und Flut, ebenso wie sich Sonne und Mond abwechseln – ebenso atmet dein Leben, ein und aus.

Es atmet ein und du füllst dich mit Emotionen, Gefühlen, Freuden, Schmerz, Leid, Ekstase und Bewunderung. Dein Leben atmet aus und bietet dir die Gelegenheit all dies zu nutzen, all dies weiter zu geben. Das, was du eingeatmet hast, ist nun mit deiner individuellen Wesenheit verflochten. Deine persönlichen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle sind vereint mit deinem neuen Atemzug. Dein Ausatmen möchte dein Wissen teilen, andere daran teilhaben lassen – das Mosaik der Welt weiter gestalten. Nutze die Zeit des Einatmens ebenso wie die des Ausatmens.

Schau auf das, was du erlebt hast und werde wahrhaftig in dem, was du weiter geben möchtest. Der Augenblick in dem dein Einatmen zu einem Ausatmen wird, ist die Pause in der du heilst und manifestierst. Die Wertschätzung für all das, was du erleben wolltest, ganz gleich ob Freude oder Schmerz. Beides gegenwärtig sein zu lassen ohne die Identifizierung um dich langfristig in Balance zu wissen. Atme also aus, was du für dich aus diesen Erfahrungen mitnehmen wolltest. Verweile nicht in Ihnen. Vergegenwärtige sie und teile dein eigenes Wissen, welches einmalig in deinem Licht scheint.

Schau einmal auf deinen kürzlich vergangenen Atemzug. Welche Erfahrungen und Gefühle hast du aufnehmen wollen?

 

-Sina-

 


			
			

Sechs. Rishikesh – du heilige Herausforderung.

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Samstag Abend, der 27. April 2019. Angekommen. Angekommen in der Stadt von der ich bereits so viel hörte und las. Eine Stadt, die für mich ein Zuhause werden kann. Da wir in der Dunkelheit ankamen, war nicht viel zu erblicken. Der stetige Verkehr, das andauernde Gehupe und das anhaltende Chaos nahmen mir schnell die Illusion, von Anfang an umgehend in einem Rishikesh-Yoga-Rausch zu sein. Auch hier herrscht Verkehr, Lärm und auch hier liegt Müll herum. Nun gut, nachdem wir an der vorab auserkorenen Ecke angekommen waren, entschieden wir uns nach drei Besichtigungen für das letzte Gästehaus. Es gilt zuerst die Zimmer anzuschauen, den Preis zu erfragen und dann zu gehen. Da kann es schon mal sein, dass das Zimmer doch nicht so viel kostet oder ganz zufällig in diesem Moment ja doch noch ein Zimmer frei ist für günstigere Konditionen. Mir fällt das Handeln wirklich nicht leicht- und doch gehört es hier schon fast zum guten Ton. Das ganze geschieht ja auch freundlich und nicht wütend. Weitere Praxis wird mich auch darin sicherer machen und dann macht es bestimmt auch Spaß. Unsere Bleibe ist höher gelegen und wir haben einen wunderbaren Ausblick über Rishikesh, welches uns quasi zu Füßen liegt. Rishikesh liegt rechts und links vom Ganges. Quasi wie Bonn und Beuel. Es gibt zwei Brücken, die die jeweiligen Zentren miteinander verbinden. Die Lichter scheinen in die dunkle Nacht und ich bin glücklich endlich angekommen zu sein.

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Den ersten Tag nutzen wir um die Gegend ein wenig zu erkunden. Am Liebsten ab in die Natur, etwas Wasser und wenig Menschen. Das in der Gegend ein Wasserfall sein soll passt uns demnach bestens in den Tagesplan. Dreißig Minuten soll er nur entfernt sein. Wie sich ein wenig später herausstellt, gibt es wohl mehrere Wasserfälle. Der von uns auserwählte war jedenfalls keine dreißig Fußminuten entfernt. Der Weg dorthin ist auch eher für Autos gedacht und hat mit einem grünen Spaziergang leider nichts zu tun. Also entlang der Straße, wieder lautes Hupen, wild fahrende Autos und die Sonne schön heiß über uns. Herrlich. Genau so haben wir uns das vorgestellt. „Sina kannst du bitte ganz rechts an der Seite gehen. Die fahren dich noch um“ höre ich immer wieder von Axel. Recht hat er ja. Die mit Touris bepackten Jeeps brettern an uns vorbei und alle fünf Meter möchte uns jemand Eis verkaufen. Nach ungefähr 1,5 Stunden erreichen wir dann etwas, dass einem Wasserfall entspringen könnte. Man zahlt Eintritt und darf weiter den Berg hinauf fahren oder in unserem Fall gehen. Unterwegs werden wir dann noch „angebrüllt“. Ein Auto bleibt mit quietschenden Reifen stehen und fünf junge Männer springen heraus. „Mister Mister please come. Please one picture, please.“ Sie kommen uns entgegen gelaufen und teilen uns laut mit, dass sie aus Punjab sind und Urlaub machen. Also fix ein Foto gemacht, Hände geschüttelt und weiter geht es. Man muss dazu sagen, dass meine Begleitung Axel blond ist und einen Bart hat – das ist hier der Kassenschlager. Ein halbes Stündchen später sind wir dann am Fuße des Wasserfalls angekommen und suchen uns ein ruhiges Plätzchen zum Abkühlen. Wenn man sich den hinterlassenen Müll wegdenkt war es wirklich sehr idyllisch und das nasse Kühl tat mehr als gut.

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Nach der zweiten Nacht wechselten wir unsere Unterkunft, da es ein Wasserproblem gab. 24 Stunden ohne Wasser im Bad sowie Trinkwasser ist dann doch nicht so praktisch. Also begaben wir uns hinunter von unserem Berg und stürzten uns in das Getümmel auf der anderen Seite im Zentrum von Rishikesh. Die Brücke, welche zu überqueren ist, ist sehr schmal und wird von Fußgängern, Roller – und Motorradfahrern ebenso wie von Kühen genutzt. Das ist ganz schön kuschelig bei einer geschätzten Breite von 1,5m. Zwischen Selfiesticks, Gehupe und Gedränge schoben wir uns auf die andere Seite und erreichten unsere zweite Unterkunft, welche zwei Straßen parallel von der Hauptstraße liegt. Also ein wenig abseits und nicht ganz so laut. Der Anstieg dorthin bescherte uns die ersten Begegnung mit der Stammbesetzung von Kühen und Hunden dieser Gassen. Umgehend liehen wir uns einen Roller aus um weiter erkunden zu können. Das Ziel sollte das besagte „Beatles-Ashram“ sein, welches in jedem Reiseführer angepriesen wurde. Weit entfernt war es nicht aber die unsrige Konstellation liebt die Umwege. Denn nachdem wir mit dem Roller wieder auf die andere Seite des Flusses mussten um zu tanken, beschlossen wir einen etwas längeren Weg zu nehmen um dieses Brückenerlebnis zu umgehen. Dieser Weg führte uns auch über eine Brücke jedoch weiter nördlich der Stadt und demnach frei. Wir fuhren hinauf in die bergige Waldlandschaft und konnten endlich Natur ohne Müll sehen. Das Gefühl hinten auf dem Roller zu sitzen und die Landschaft zieht an dir vorbei – unbezahlbar schön. Hier und da entdeckten wir Affen, die am Wegesrand saßen. Immer wieder bot sich der Anblick Rishikesh´s von oben und es wirkte so friedlich und ruhig. Unser Weg schlängelte sich den Berg hinunter und nach einigen Umwegen kamen wir an unserem Ziel an. Ich hatte es mir viel touristischer vorgestellt und war heilfroh als ich bemerkte, dass kaum ein Besucher vor Ort war. Ein Gelände, so traumhaft gelegen. Nah am Wasser und doch in den ruhigen Bergen versunken. Ein Gelände bestückt mit verschiedenen Gebäuden. Verlassen und doch so viel erzählend. Maharishi Mahesh hatte hier einst seine Meditationszentrum gegründet. Die nach ihm geläufige Transzendale Meditation wurde sehr bekannt und so kamen auch die Beatles an diesen Ort.

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Durch die Bekanntheit der Beatles wurden viele Menschen auf diesen Ort Rishikesh und dieses Ashram aufmerksam. So wie ich es verstanden habe, erlangte Rishikesh durch diesen Besuch der Beatles an Aufmerksamkeit im Westen. Menschen kamen in dieses Ashram und lernten die Lehre von Maharishi Mahesh. Die leerstehenden Gebäude und Baracken erzählen die Geschichten und irgendwie wirkt alles noch ganz lebendig. Die Gebäude sind inzwischen zu Gemälden geworden. Künstler haben die Wände mit wunderschönen Bildern verziert. In jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken und die Ruhe dieses Ortes begleitet uns bei jedem Schritt.

Ruhe und Frieden wurden ziemlich schnell von Unwohlsein abgelöst.

Der Abend gestaltete sich noch als sehr gesellig. Auf unserem Heimweg trafen wir „zufällig“ einen alten Bekannten von Axel aus Australien. Klar. Wieso auch nicht. Man trifft sich nach einem Jahr zufällig in Rishikesh. Manuel kommt aus Italien und ist seit einer Woche in Rishikesh. Die beiden kennen sich aus Broome. Manchmal scheint die Welt noch mehr ein Dorf zu sein, wenn man reist. Also verbringen wir den Abend in einem super gemütlichen Restaurant, welches ganz dunkel gehalten ist und wie ein Baumhaus über dem Fluss gebaut ist. Die beiden erzählen mir lustige Geschichten aus Australien und wir genießen leckeres Essen. So nun zu der angedeuteten Wendung. Es ist Montag Abend und ab diesem Abend wird unsere gemeinsame Woche eher zu einem Krankenlager. Erst lag Axel bis Freitag flach. Gut man muss sich hier wirklich umgewöhnen und akklimatisieren aber es ging ihm echt nicht gut. Also war Piano angesagt und keine große Action möglich. Fand ich jetzt nicht so schlimm. Ich konnte mich langsam an diese Stadt gewöhnen, die von Touristen durchzogen war und an jeder Ecke Yoga, Meditation, Massage oder super tolles Essen möglich war. Reizüberflutung. Ich bin absolut dankbar für diese Woche „ankommen“ mit einer Person, die nicht auf diese Dinge anspringt, denn so konnte ich mich auch bremsen und alles erst einmal beobachten.

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Unser Plan war jedoch diese Woche noch eine Motorradtour zu machen. Dieser Wunsch erfüllte sich dann auch am Freitag. Axel ging es wieder gut und wir hatten uns schon ein Motorrad ausgeguckt. Also ungeplant wie immer aufs Motorrad und ab Richtung Himalaya. Die Royal Enfield sah auf den ersten Blick sehr gut aus und ich fühlte mich sehr wohl auf dem Hintersitz. So flatterte mein Kleid im Wind und die Natur zog in ihrer atemberaubenden Schönheit an uns vorbei. Das Flusswasser wurde immer farbintensiver und klarer, weiße Sandstrände, welche unberührt schienen schmiegten sich am Wasser entlang. Die Fahrt war natürlich nicht ganz so fließend wie der Fluss. Unfertige Straßen, viel Gehupe, lebensbedrohliche Fahrmanöver und viele Kurven beeinflussten ein stetiges Fahren. Bei unserem ersten Stopp bemerkten wir, dass unsere angedachte Strecke doch etwas zu lang ist. So entschieden wir uns bis zum nächsten „Highlight“ namens „Holy Sangam“ zu fahren. Laut Google Maps handelte es sich um eine Stelle an der man sich im Fluss erfrischen kann. Zudem fließen an besagter Stelle zwei Flüsse zusammen und ergeben ein interessantes Bild ab. Der eine Fluss namens Alaknanda färbt sich etwas grauer wohingegen der andere Fluss namens Bhagirathi in einem türkisblau dahergeflossen kommt. Aus diesen beiden Flüssen ergibt sich dann der Fluss Ganges. Das Wort Sangam bedeutet soviel wie „die Vereinigung von zwei Flüssen“.

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Da aus diesen beiden Flüssen ja scheinbar der Ganges entsteht erklärt sich dann auch das „holy“ vor dem Sangam. Bevor wir jedoch eine Stelle fanden um uns abzukühlen befuhren wir eine Passstraße. Kein Verkehr und wunderbar zu fahren. Immer höher und höher schlängelte sich die kleine Straße den Berg entlang und mein Herz wurde immer weiter. Es war als wären wir inmitten im Himalaya verschlungen. Diese riesigen Berge um uns herum und die beiden Flüsse plötzlich so winzig unter uns. Bei einem kurzen Stopp streckte ich leider unbedacht mein rechtes Bein aus und verbrannte mich am Auspuff. Peinlich und schmerzhaft. Naja das passiert, wenn man im Kleid Motorrad fährt.

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Die Aussicht war atemberaubend und nur vereinzelt sah man Häuser. Wir hätten die Straße endlos weiter fahren können, denn die Qualität war eine ganz andere als auf der Hauptstraße, welche wir zuvor befuhren. Da wir aber wieder zurück wollten mussten wir umdrehen. Unten am Fluss ergab sich dann auch endlich die Möglichkeit die Beine mal ins Wasser zu strecken. Kam meiner Brandblase ganz gelegen und mir auch, denn die Temperatur war wirklich intensiv.

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Nach einer kurzen Erfrischung ging es also wieder in Richtung Rishikesh und somit auch in Richtung meiner anstehenden Herausforderung. Während der Fahrt bemerkte ich schon, dass ich nicht so ganz gemütlich saß. Der Weg zurück gestaltete sich als wirklich unangenehme Sitzpartie. Der hintere Sitz war äußerst schmal und nicht unbedingt für so lange Touren ausgelegt. Ich konnte irgendwann nicht mehr sitzen und hatte noch nie so ein Gefühl von Erschöpfung in meinem Körper empfunden. Ab unterem Rücken schien alles taub zu sein und so ganz fit fühlte ich mich auch nicht mehr. Der Weg zog sich und trotz kleinerer Pausen zwischendurch half mir nichts. Ich biss die Zähne zusammen und wir fuhren so schnell es ging. In Rishikesh angekommen parkten wir das Motorrad und begaben uns zu einem netten Lokal, welches wir bereits kannten. Dort konnte man glücklicherweise liegen, denn man sitzt auf dem Boden, welcher mit gemütlichen Kissen gepolstert ist. Kaum dort angekommen war mir ganz anders. Ich war fix und fertig, konnte nur liegen, mein Essen konnte ich nicht anrühren und mir war schummrig und schlecht. Zwei Stunden später waren wir dann in unserer Unterkunft und nach einer Dusche lag ich regungslos im Bett und dämmerte weg. Eine Hand auf meiner Stirn weckte mich auf und zwei besorgte Augen schauten mich an. „Sina du glühst“ sagte Axel besorgt. Das stimmte. Ich war am glühen wie ein Ofen. Das Fieberthermometer zeigte an die 40 Grad an. Gleichzeitig war mir eiskalt. Hitzeschlag war meine Diagnose. Mein gesamter Körper war auf den Kopf gestellt und ich konnte weder essen noch gut trinken. Die gesamte Nacht bedeckte mich Axel immer wieder mit nassen Handtüchern, welche innerhalb von Minuten wieder trocken waren. Fieber halt, was soll man schon groß machen. Also blieb ich für 1,5 Tage in diesem Bett und konnte nicht viel machen außer das Fieber senken. Kurz um: den ersten Tag meiner Ausbildung verpasste ich, da ich mich Samstags noch nicht in der Lage fühlte mich irgendwohin zu bewegen. Sonntags war der erste Tag, welcher mit einer Feuerzeremonie begann und die Schüler sich kennen lernten. Demnach verpasste ich also nicht zu viel. Nach einem ruhigen Tag und den ersten Gehversuchen machte ich mich Sonntag am frühen Abend dann auf den Weg zu meiner Yoga-Schule. Axel und ich verabschiedeten uns lachend und mussten über diese spezielle gemeinsame Urlaubswoche schmunzeln.

Nun begann mein drittes Kapitel in Indien – ohne Begleitung und ohne Umherreisen. Zwei Monate mit mir noch unbekannten Menschen in einer Schule und einem festgelegten Stundenplan. Wie sehr hatte ich mich auf diese Zeit gefreut.

Fünf. Oh Calcutta.

 

Kaum in Delhi angekommen waren wir auch schon wieder dabei unsere Abreise vorzubereiten. Nach der holprigen Busfahrt zurück aus dem Himalaya war eine erfrischende Dusche genau das Richtige. Mein Wunsch war es noch ein paar entsprechende Anziehsachen zu kaufen, bevor es weiter nach Kalkutta ging. Sich an Land und Leute anzupassen ist mir wichtig. Zumal die Kleidung hier dem Wetter entsprechend sehr viel Sinn macht. Zwei Outfits und eine Mahlzeit später ging es dann mit dem Taxi zum Bahnhof. Taxi fahren ist hier wirklich sehr günstig und ich frage mich, warum das in Deutschland oder anderen Ländern nicht auch so sein kann. Viele Menschen wären nicht auf ein eigenes Auto angewiesen… naja anderes Thema 🙂 Fliegen ist ja auch günstiger als Bahn fahren.
Also ich war darauf vorbereitet 12 Stunden Zug zu fahren. Auf dem Weg zum Bahnhof eröffnete mir Mithun dann, dass es keine Toiletten im Zug gibt. Das sei aber kein Problem, denn er besorge gleich noch ein Medikament, dass entsprechende Bedürfnisse unterdrückt. Daraufhin erwiderte ich, dass 12 Stunden wohl ohne Medikament machbar seien. Er lachte und sagte :“ 24 hours Sina. Train goes 24 hours.“ Just in diesem Moment stiegen wir am Bahnhof aus und mir wurde kurz alles zu viel. Chaos, viel zu viele Menschen und die blanke Panik für mich ab jetzt 24 im Zug zu sitzen. Ich kämpfte mit den Tränen und stapfte Mithun hinterher. Am Zug angekommen erinnerte ich Mithun an das Medikament, welches er doch besorgen wollte. Er lachte und sagte :“ Joke Sina. Hier ist auch Toilette im Zug.“
Haha sehr witzig. Jetzt war Ich nicht nur weinerlich sondern auch motzig. Dieser Zustand verbesserte sich erstmal nicht als ich den Menschenmassen im Zug entgegenblickte. Wir quetschten uns durch den Gang und kamen irgendwann an unseren Plätzen an. Jedes Sitzabteil besteht aus zwei x drei Liegemöglichkeiten, die auch als Sitz benutz werden können. Bei Nacht dienen sie dann als Bett. Eingequetsch am Fenster fing ich an innerlich zu beten, denn mein Verstand erzählte mir sämtliche Horrorstories, was alles passieren könnte. Gleichzeitig dachte ich mir :“ Hör auf daran zu denken. Du kreirst dir deine Realität.“
Etwas stubste mich an und ich öffnete die Augen. Zwei riesige braune Augen strahlten mich an. Ein kleiner Junge, der auf dem Ausklapptisch vor mir saß, zeigte begeistert aus dem Fenster. Ich folgte seinem Finger und sah die Natur und die Züge, die langsam an uns vorbei zogen. Und mit einem Mal war all meine Anspannung weggepustet. Die Welt durch die Augen der Kinder zu sehen, durch meine eigenen Kinderaugen- wie oft hat das schon geholfen. Ich war dankbar für diese Erinnerung und fing an mich zu entspannen und dieses Abenteuer neu zu entdecken.
Wir haben ein Zugticket für die reguläre Klasse gebucht. Ebenso wie in Deutschland, kann man hier in verschiedenen Kategorien reisen. Wir haben quasi die für alle zugängliche Klasse gewählt. Mehr Authentizität kann man wohl nicht erleben. Die Menschen reisen miteinander auf engstem Raum und man kommt direkt ins Gespräch. Für mich war es ein Genuss all das zu beobachten und observieren. An Essen und Trinken mangelte es auch nicht. Ständig lief jemand herum mit Getränken,Süßigkeiten, Essen, Frühstück, Yoghurt etc. An den jeweiligen Haltestellen wechselten dann die Verkäufer. Mithun bestellte uns online Essen, welches dann am nächsten Bahnhof in den Zug geliefert wurde. Also diese Reise im Zug ist bestens durchdacht. Nach dem Essen fiel ich dann erschöpft um und fand zu etwas Schlaf.

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Der nächste Tag ging ebenso bunt und beschäftigt weiter im Zug. Jedoch wurde es immer leerer unterwegs und inzwischen konnte man ohne Probleme die Sitze wechseln. Am offenen Fenster die Natur zu beobachten war sehr eindrucksvoll. Wechselnde Landschaften und verschiedene Dörfer zogen an uns vorbei. Es wurde zunehmend grüner und alles sah “saftiger“ aus. Am frühen Abend dann in Kalkutta angekommen war von Natur nicht mehr viel zu sehen. Der nächste große Bahnhof mit unfassbar vielen Menschen.
Ich kam mir vor, wie in einem Rausch. Alles bewegte sich schneller als ich gucken konnte, die einnehmende Wärme nahm mir die Luft zum atmen. Und was als Luft vorhanden war , präsentierte sich in Gerüchen, die atem-beraubend waren. Ich tappste Mithun hinterher, immer wieder an seiner Hand. Stehe ja eigentlich nicht darauf an der Hand zu gehen, wie ein kleines Kind. Hier in Indien mache ich das liebend gerne. Keine Ahnung wie- aber wir überquerten die Straße, die wiedermal aus vier Spuren und keiner Struktur bestand.
“First Chai“ lautete die Angabe meines 24h-Ehemanns. Jedoch habe ich beschlossen die gesamte Reise Mithuns „Frau“ zu sein. Macht alles deutlich einfacher und es geht eh jeder davon aus. Also ab zum Chai-Stand mit Gepäck und Mann.
Während ich mich für einen Zuckerrohr-Saft entschied, quasselte Mithun mit dem Chai-Verkäufer und versuchte sich zu orientieren und ein Taxi aufzutreiben. Natürlich nicht das nächstbeste- es geht ja immer noch günstiger. Als ich meinen Saft quasi geleert hatte bemerkte ich einen Eisblock, welcher mit abgerieben wurde um den Saft angenehm kühl zu machen.
“Na toll Sina – gekühlte Getränke sind ein No-Go, denn du weißt nicht aus welchem Wasser der Eisblock gemacht wurde.“
Naja zu spät. Schnell den Saft in Gedanken gesegnet und keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, hat ja geschmeckt. Mithun wirbelte hin und her und ich schaute mich um. Dreckig, laut, es stinkt, ich bin ko…. Kalkutta ich hoffe du kannst mehr.
Eine Stunde später kamen wir dann am Zielort an. Ein gutes Stück außerhalb der Stadt, in einem kleinen Dorf erwartete uns Mithuns Papa. Die Familie hat hier in Kalkutta ein weiteres Haus. Der Vater war auch für zwei Wochen hier. Der Weg zum Dorf zeigte wieder mehr Natur und ich war erleichtert, nicht so nah an der großen Stadt zu sein.

“Sina take shower and then we go to wedding. Did you know there is wedding? I knew, my dad told me.“

Mithuns spontane und unbefangene Art bringt mich noch ein wenig aus dem Konzept und an meine Grenzen. Bis vor 1.5 Wochen war jeder Tag durchgeplant. Ich wusste wann ich wo sein muss und im besten Fall dann auch anziehe. Woher sollte ich also wissen, dass wir jetzt noch auf eine Hochzeit gehen, die übrigens direkt vor der Haustüre stattfand. In der nächsten Minute musste ich innerlich lachen und war dankbar, dass mein verkopfter Panzer langsam aufbrach und ich mich dem Treiben einfach hingeben kann.
Das Bad ist spartanisch. Geduscht wird quasi mit einem Eimersystem. Frisches Wasser ist vorhanden nur halt eben ohne Duschvorrichtung. Diese Einfachheit lerne ich direkt lieben und werde noch schneller fertig. Kein Schnick Schnack.

Die Hochzeit wurde mit dem ganzen Dorf gefeiert. Ungefähr 600 Menschen kommen um zu gratulieren und danach in einem Zelt zu essen. So eine Hochzeit besteht aus vier Tagen. Vielleicht ist Scheidung und neu heiraten deswegen kein so großes Thema. Nach einmal hat man bestimmt genug.
Also einmal kurz gratuliert, gegessen und dann ab ins Bett.
In Kalkutta hatten wir fünf ganze Tage. Den ersten Tag verbrachten wir anfänglich in der Natur. Mithuns Freunde aus der Kindheit führten unsere kleine Expedition an. Es ging auf Schlangen-Suche, denn diese Gegend ist bekannt für King-Cobras und sonstige Schlangen. Durch das recht tropische Wetter und all die kleinen Wasserbecken, schien dies perfekt für Sie zu sein. Wir stapften durch Feld und Wiesen. Immer wieder wurde mir entweder ein Obst oder eine Blume in die Hand gegeben. Ich probierte, roch und versuchte alle Eindrücke aufzunehmen. Hier und da arbeiteten Menschen im Feld oder standen am Wasser und angelten. Im Schatten lagen Kühe und beobachteten unsere kleine Gruppe. Das Gras war sehr hoch und die Möglichkeit in eine Schlange zu stolpern erschien mir schon recht hoch. Wäre nicht das erste Mal- in Australien bin ich auch beinahe auf eine Tigerschlange getreten. Aber nach der kurzen Zeit hatte ich bereits das Vertrauen in mein Karma, dass schon alles gut ging. Nachdem wir über eine kleine Brücke aus Bambusstäben balancierten (das war echt sehr wackelig und der Sumpf darunter machte mich schon etwas nervös) kamen wir an einem Feld an und hier endete unsere Expedition. An dieser Stelle war das Schilf beinahe zwei Meter hoch, der Sumpf nicht für unser Schuhwerk gemacht und die Vernunft dann doch größer. Also wieder zurück über die wackelige Brücke und auf ins Dorf. Wir spazierten und ich war beeindruckt von der Einfachheit der dort gebauten Häuser. Perfekt für die hiesigen Temperaturen vorbereitet. Frauen in bunten Saris grüßten uns und wir verweilten in zwei Häusern bei einem kühlenden Getränk. Generell findet meine Kommunikation hier wenig über Sprache statt. Das ein oder andere Wort kann ich wohl auf Hindi, Englisch ist eher schwierig fernab der Städte und Mithun kann auch nicht immer übersetzen und zur Stelle sein. Das macht aber auch nichts. Augen können so viel sagen. Besonders die Frauen sind sehr herzlich, umarmen mich und strahlen. Was ich von Anfang an gelernt habe, ist die Begrüßung der „Älteren“. Wenn ich eine Person begrüße, die älter ist als ich, dann gehe ich auf die Knie, berühre die Füße und sage „Namaste“. Das ist ein Zeichen des Respekts. Die jeweilige Person hebt dich an den Schultern wieder auf und segnet dich. Mir persönlich gefällt das sehr.

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Ich werde die Woche in Kalkutta in ein paar Highlights festhalten:

Besuch Kalkutta:

Samstag Nachmittag, als die Sonne sich dem Untergehen näherte, machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Das heißt, wir gingen 100 Meter aus dem Haus und setzten uns erstmal für einen Chai. Die kleine Hütte glich einer Bushaltestelle. Hier kann man verweilen, Chai trinken, Kekse essen und dem Gewusel auf der Straße zuschauen. Oder eben auf ein Gefährt warten, wie wir.

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Einweg-Becher mal anders: Aus Ton gefertigt.

Einen Chai später kam dann auch ein TukTuk, welches uns mit zum Bahnhof nahm. Vom Bahnhof aus nahmen wir den Zug in Richtung Kalkutta. Zug fahren mit offenen Türen macht wirklich viel Spaß. Der Wind pfeift durch den manchmal sehr vollen Zug und man kann die vorbeiziehende Natur beobachten. Noch im Zug lernen wir den 19-jährigen Jay kennen. Er ist sehr interessiert und beginnt ein Gespräch mit Mithun. Er steigt mit uns aus und führt uns direkt zu den Touri-untypischen Ecken. Ein weiteres Mal bin ich erstaunt, wie leicht die Menschen hier ins Gespräch kommen und sich füreinander die Zeit nehmen. Wenn ich im Zug bin habe ich meistens direkt ein Ziel und eine zeitliche Verpflichtung und es würde mir schwer fallen, spontan mit zwei Menschen die Stadt zu erkunden. Aber hier in Indien ist die Zeit eine ganz andere, vielleicht existiert sie auch gar nicht, wer weiß.

Sina Zug

Auf jeden Fall bekamen wir den Blumen-Markt zu sehen. Eine Straße, welche ausschließlich von Blumen-Händlern besiedelt ist. Etliche Farben und Formen schmücken die triste Straße.

Kurz danach geht es hinunter zum heiligen Ganges. Die Schuhe werden ausgezogen und zum ersten Mal stehe ich mit meinen Füßen in diesem besonderen Fluss, mit dem ich mich noch intensiver auseinandersetzen möchte. Denn auch hier habe ich primär komische Geschichten erzählt bekommen oder auch gelesen. Schaue ich mir jedoch hier den Umgang mit diesem Fluss an, dann verändert sich mein Bild und ich bin neugierig auf die indische Perspektive. Erneut beobachte ich eine Essensausgabe. Frisch gekochtes Essen, welches an alle Menschen verteilt wird, die in der Nähe sind und darum bitten. Menschen baden sich im Flusswasser oder sitzen einfach nur da und unterhalten sich, so wie wir. Eine kurze Bootsfahrt später, sind wir wieder am Bahnhof von Kalkutta und treten unseren Heimweg an. Der Zug ist sehr gefüllt und die Menschen hängen schon halb aus den offenen Türen heraus. Ich steige kurzerhand in das Frauen-Abteil ein. Mithun und Jay laufen etwas weiter zum nächsten Abteil. Meine erste eigene Zugfahrt ohne Begleitung, wie aufregend. Ich befinde mich in einem farbenfrohen Abteil mit ausschließlich Frauen und einem männlichen Bahn-Angestellten. Bei diesem vergewissere ich mich, dass ich auch ja richtig aussteige. Er gibt mir zu verstehen, dass er auch dort aussteigt und ob wir dann nicht ein „Selfie“ machen können. Frau und Kind habe er auch. Der Smalltalk hier dreht sich eigentlich immer recht schnell um die Familie und es werden auch gerne Fotos von Frau und Kind gezeigt. An der richtigen Haltestelle steigen wir also aus und Mithun kommt bereits in meine Richtung gelaufen. Fix ein Foto gemacht und dann geht es ab zum Haus- ich bin bereit für ein Abendessen und Schlaf. Mein Kopf brummt. Das war ganz schön viel Reisen innerhalb von einer Woche, Temperaturunterschiede und wenig erholsamer Schlaf.

 

Mein Körper sagt Stopp.

Meine Empfindungen am Samstag Abend erstrecken sich über den Sonntag hinweg. Etwas schlapp beschließen Mithun und ich es langsam angehen zu lassen. Wir genießen einen ruhigen Sonntag, nehmen ein Bad im anliegenden Wasserloch/Teich ? Ab Nachmittag merke ich jedoch, dass etwas nicht stimmt. Mein Kopf tut sehr weh und ich fühle mich schlapper. Kurzum- bis Donnerstag lag ich flach mit Fieber und Schmerzen. Alles halb so wild, denn ich glaube das macht man halt durch bei solchen Umstellungen. Ich wurde bestens umsorgt und hab die ruhigen Tage genießen können. Vielleicht war es auch ganz gut, dass der Körper ruhen musste, denn mein Geist war auf Hochtouren. Es fühlte sich so an, als könnten sich ein paar Gedanken setzen oder auch zum Vorschein kommen ohne zu viel Ablenkung im Außen.

Einen Gurkensalat nach Bengalischer-Art konnte ich jedoch noch zubereiten. Hierfür habe ich ein traditionelles Messer benutzt, welches aus einer einfachen Schneide besteht, die an einem Holzbrett befestigt ist. Gurke, Limettensaft und etwas Salz.

Mein Hare Krishna Moment.

Donnerstag war unser letzter Tag in Kalkutta. Freitag sollte es schon um 5:30 früh zurück Richtung Delhi gehen. Wir nutzten den Abend um noch ein wenig durch die Straßen zu schlendern. Der Freund von Mithun holte uns ab und wir spazierten zum naheliegenden Tempel. Hier und da waren vereinzelt Menschen, wir gingen an einer kleinen Gruppe vorbei, die gemeinsam sang. Sie saßen vor dem kleinen Tempel-Eingang. Im Tempel war jemand damit beschäftigt die Gaben zu segnen. Mein Wissen um die ganzen Zeremonien und jeweiligen Personen und Götter steckt noch sehr in den Kinderschuhen, deswegen kann ich nur umschreiben und wenig benennen. Wir setzten uns auf die Stufen des anliegenden Tempels und lauschten dem Gesang. Es war einfach angenehm und meditativ dort zu sitzen in der lauen Abendluft, dem Gesang zu lauschen und im Kopf ganz leer zu werden. Ich empfand es als so friedlich, dass diese Menschen hier zusammen kommen, gemeinsam singen und Zeit verbringen anstatt alleine vor dem Fernseher zu sitzen und 20:15 abzuwarten. Auch hatte diese offene Gestaltung etwas sehr freies im Vergleich zu einem geschlossenen Raum wie beispielsweise einer Kirche. Alle können teilhaben. Und wie ich so in meinen Gedanken dort saß, erhaschten meine Ohren auf einmal ein Lied, welches mir eine Gänsehaut verpasste. Dieses Lied, beziehungsweise dieses Mantra versetzte mich zurück in das Jahr 2015 als ich bei meinem ersten Reiki-Grad in Schillig an der Nordsee war. Der erste Reiki-Grad, der Grad der „Selbstliebe“. Ein so wert-volles Wochenende für mich , welches mich auch mit dem Hare-Krishna-Mantra in Berührung brachte. Mein Lehrer Peter Michael Dieckmann ist kein Krishna-Anhänger. Er nutzte die Version von Krishna Das (für mich der Joe Cocker unter den Mantra-Sängern) um uns ins Gefühl zu bringen, durch den freien Tanz. Zum ersten Mal seit langer Zeit tanzte ich frei und nüchtern vor Menschen. Erst ganz zögerlich und irgendwann so voller Freude, Freiheit und Gefühl. Diese 12 Minuten veränderten so viel für mich und dieses Mantra ist immer wieder ein Tor für mich um an dieses Gefühl anzuknüpfen. Nun saß ich also irgendwo in Indien ungeplant neben diesen Menschen, die dieses Mantra sangen. Natürlich ist das kein großes Wunder, denn dieses Mantra ist kein Geheim-Tipp 😊. Für mich schloss sich in diesem Moment jedoch ein Kreis und obwohl ich ganz woanders war, war mein Herz in Schillig bei all den lieben Menschen und Erlebnissen, die ich dort machen durfte. Ein heiliger und so dankbarer Moment. Hare-Krishna.

Delhi- Rishikesh

Der Weg zurück nach Delhi gestaltete sich erneut als 26-stündige Zugfahrt. Diesmal hatten wir jedoch eine andere „Klasse“ gebucht. Weniger Menschen, Klimaanlage, ein eigenes „Bett“, servierte Mahlzeiten und mehr Ruhe. In diesem Falle war ich ganz froh um diesen „Luxus“, denn unser Reisepensum war schon enorm in den letzten zwei Wochen. Jedoch würde ich jede weitere Zugfahrt wieder in der einfachen Klasse machen. Ich glaube man nennt es auch „Holzklasse“. Da ist es nicht langweilig und man kann sich sein Essen selber aussuchen. Ein buntes Treiben, Kommen und Gehen und einfach viel zu entdecken. Da hat mir wirklich nichts gefehlt. Es ist aber toll, dass ich nun den Vergleich habe zwischen den beiden Möglichkeiten. Ich konnte viel schlafen und dann kamen wir auch mit 2,5 Stunden Verspätung Samstag morgens in Delhi an. Mein Aufenthalt bestand lediglich daraus meine Sachen zu packen, mich frisch zu machen, etwas zu essen, Mithuns Familie zu verabschieden und mich dann ins Auto nach Rishikesh zu setzen. Von Mithuns Oma bekam ich sogar noch einen Ring an den Finger gesteckt. Also sagen wir auf die Kuppe meines Mittelfingers… ich trage ihn nun am Ringfinger- da passt er mir. Die Größenverhältnisse sind dann doch echt sehr unterschiedlich, obwohl ich mit 164cm ja auch kein Riese bin. Gut auch mit 1,64 kann man Wurstfinger haben, haha. Mit Händen und Füßen verstand ich dann auch die Aufforderung von Mama und Oma, dass ich wiederkommen soll. Na klar, das steht außer Frage. Delhi wird hier glaube ich mein Dreh- und Angelpunkt bei zukünftigen Reisebewegungen sein.
Für die Anreise nach Rishikesh habe ich mich für die teuerste Variante entschieden. Teuer im Vergleich zu Zug und Bus. Mit dem Auto beträgt die Distanz von weniger als 300 km ca 7,5 Stunden. Für diese private Autofahrt mit einem Taxifahrer haben wir ca. 70€ bezahlt. Die Busfahrt hätte vielleicht 20€ gekostet. Da wir aber zu zweit gefahren sind und keine Lust auf den Heckmeck mit der Busfahrt hatten, entschieden wir uns für diese Möglichkeit. Wenn ich von „wir“ spreche, meine ich diesmal nicht Mithun. Er ist in Delhi geblieben, denn dort lebt er und wird die nächsten Monate einiges an Arbeit vor sich haben.
Mein „neuer“ Reisegefährte ist ein Freund, den ich vergangenen Oktober in Australien kennen gelernt habe. Da er selber noch in Asien unterwegs war bot sich die Gelegenheit, dass wir uns in Indien treffen. Schwups saßen wir also im Auto und fuhren in Richtung Rishikesh. Die Autofahrt war erneut ein Erlebnis für sich und manchmal konnten wir nur mit dem Kopf schütteln. Aber gut, wir kamen an und befinden uns nun seit Samstag dem 27. April in Rishikesh.

 

Vier. Ab in die Berge.

Am Samstag den 13.04.19 ging es mit einem Bus nach Manali. Den Bus zu erreichen war schon ein Abenteuer für sich. Delhi ist so groß und ich kann mich wirklich glücklich schätzen mit Mithun. Wir kamen irgendwo an, wo dann tatsächlich auch under Reisebus 30 Minuten nach planmäßiger Abfahrt losfuhr. Bis dahin waren einige Männer in die Abwicklung involviert. Es wurde telefoniert, Namen notiert, Geld kassiert, nochmal eine Liste kontrolliert und dann ging es los. Deutlich bequemer als ich es mir vorgestellt habe. Es wurden regelmäßige Pausen eingelegt und Schlaf wäre auch eine Option gewesen. Bisher konnte ich in jedem Gefährt bestens schlafen – bisher impliziert jedoch nicht den indischen Verkehr. Hupen, Bremsen, Schaukeln, Anhalten und nochmal Hupen. Aber alles halb so wild, denn als ich schlaftrunken aus dem Fenster blickte erwartete mich ein atemberaubender Anblick. Hohe Felswände, ein wilder Fluss, vereinzelt Häuser und ferner die eingeschneiten Bergspitzen. Im nächsten Augenblick schloss ich die Augen jedoch wieder ganz schnell, denn mir wurde bewusst, dass unsere Straße sehr schmal und holprig ist. Also lieber nicht hingucken und abwarten bis wir da sind.
Früh morgens um halb acht fielen wir dann aus dem Bus und retteten uns vor den Taxi-Fahrern zum ersten Chai-Verkäufer. Erst einmal ankommen und nicht das erst Beste Angebot annehmen lautete der Profi-Rat. Also ging es einen Chai später mit der Riksha zwei Kilometer den Berg empor. Die Aussicht war atemberaubend und irgendwie fühlte es sich ein wenig wie damals in Österreich an. Dieser Eindruck hielt jedoch nur so lange, wie man die Bergspitzen betrachtete. Generell ist es schwierig ein Foto zu machen, auf dem kein Müll zu sehen ist. So auch hier in den Bergen. Hier und da wird Müll mal verbrannt oder er liegt einfach herum. Da es überall so aussieht gewöhnt man sich schnell daran. Fleißig gefegt und aufgeräumt wird allerdings an jeder Ecke. Fünf Minuten später und 80 Rupies leichter sind wir im Ortskern angekommen. Dieser wird mit lauter Musik beschallt und es wirkt alles noch halb verschlafen. Mithuns Freundin und eine Yoga-Bekanntschaft meinerseits ist zufällig auch in diesem kleinen Örtchen. Ich muss schmunzeln, denn zuletzt haben wir uns vor über einem Jahr auf ihrem Geburtstag in Köln gesehen. Seither nicht mehr. Wie hoch ist also die Wahrscheinlichkeit, dass man sich irgendwo in Indien versteckt im Himalaya wiedersieht? Entsprechend herzlich fällt die Begrüßung aus. Sie ist gemeinsam mit einem Freund unterwegs, der wie ich später erfahre, der Sikh-Religion angehört. Darüber könnte ich jetzt viel schreiben… das merk-würdigste Merkmal für mich war folgendes: Als Sikh trägt man einen kunstvoll gebundenen Turban. Dieser berechtigt einen dazu KEINEN Helm tragen zu müssen. Nun gut so waren wir also eine kleine Gruppe, in der selben Unterkunft untergebracht und neugierig auf die Berge. Mithun und ich nutzen den ersten Tag um die Gegend ein wenig zu erkunden. Eine kleine Wanderung den Berg empor, landen wir bei einem Tempel. Mir kommt es mehr wie eine große Verkaufsveranstaltung vor. Nippes, Safran, Blumen, Anziehsachen… Stand um Stand reiht sich nebeneinander auf dem Weg zum Tempel. „Sit sit Mam, good Picture“- ist die Einladung sich auf einen wunderschönen Büffel zu setzen. Also einmal schnell den Tempel von Außen angeguckt und ab Richtung Wald, der Ruhe verspricht. Hier und da stehen noch Menschen und posen Bollywood-reif vor dem Tempel für die Kamera. Nach einem kleinen Snack bestehend aus „Momos“ ( kleine Teigtasche gefüllt mit Gemüse) geht es den Berg wieder herunter. Später am Tag genießen wir die Sonne auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Zwischen Wiesen und Gräsern gesellt sich eine kleine Ziege zu uns und ich fühle mich ein bisschen wie Heidi. Der Tag endet zu viert mit einer gemeinsamen Suppe und dann falle ich erschöpft ins Bett. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Kaum ist die Nachtruhe eingekehrt beginnen die Straßenkämpfe der Hunde. Aus jedem Winkel ertönt Bellen und Knurren. Zum Thema Hunde ist zu sagen: Bisher habe ich nur fröhliche Hunde gesehen, die alle frei draußen leben. Ebenso in Delhi. Hier habe ich vielleicht fünf angeleinte „Haushunde“ gesehen. Beliebt ist der Deutsche Schäferhund. Ansonsten sind die Hunde frei unterwegs und werden auch gefüttert.
Unseren zweiten Tag verbringen wir in der prallen Sonne. Unser Ziel ist ein kleiner Ort namens Haripur. 15 km südlich von Manali. Ohne MIthun hätten wir wohl niemals so günstig zwei Roller organisiert bekommen. Ein Anruf seinerseits und plötzlich kommt jemand um die Ecke gelaufen. Diesem jemand folgen wir dann in eine ganz versteckte Ecke. In dieser versteckten Ecke bekommen wir jedoch unsere Roller für einen unschlagbaren Preis. Ich frag schon gar nicht mehr nach. Mithun ist vom Fach und es ist einfach nichts unlösbar für ihn. Also geht es los (diesmal mit Helm für mich) Richtung Haripur. An den Fahrstil habe ich mich inzwischen gewöhnt und hab da jetzt auch eine gewisse Portion „Vertrauen“. Das Hupen hier beeindruckt mich nach wie vor. Vielleicht wird die Hupe in manchen Ländern tatsächlich zu persönlich genommen. Der Verkehr funktioniert hier bestens, da jeder hupt, der von hinten überholen möchte. Da kann man also auch bestens OHNE Rückspiegel am Roller fahren. ( Unser Roller hatte nämlich keine Rückspiegel).
Also die Sonne im Rücken, den Fahrtwind um die Nase und die Berge als Kulisse. Auch ich kam in den Genuss zu fahren. Roller fahren durfte ich ja in Thailand lernen, von daher ging das ganz gut. Angekommen in Haripur suchten wir uns unseren Weg hinunter zum Fluss und fanden eine wunderbare Stelle. Sonne tanken, Flusswasser trinken und einfach sein. Jeder Tag ist auch immer von köstlichem Essen begleitet. Dazu werde ich aber mal einen eigenen Beitrag schreiben.
Am Dienstag trennen sich unsere Wege als vierer-Gespann. Es schüttet wie aus Eimern und doch folgen Mithun und ich der Einladung von Rishi. Rishi ist ein Freund von Mithun, der in der Nähe von Haripur wohnt. Mit Regencape und besonders viel „Vertrauen“ geht die Rutschpartie auf dem Roller los. Wobei ich sagen muss, dass es nur rutschig aussah. Der Roller wie auch Mithun haben sich als Regenfest behauptet. Die Straße ist nicht geteert und besteht demnach aus einer Menge Geröll und Matsch. Aber gut wir sind gut durchgekommen und werden ein wenig später von Rishis Frau Mamta und deren Tochter in Empfang genommen. Ich erlebe einen Tag und eine Nacht gefüllt mit unglaublicher Gastfreundlichkeit. Auch wenn unsere Sprachbarriere vorhanden ist, so verstehen wir uns trotzdem. Ich darf die traditionelle Küche kennen lernen und das Leben in den Bergen erfahren. Rishi und seine Frau sind kaum älter als ich und sind seit über zehn Jahren verheiratet. Eine Liebesheirat, wie er mir erzählt. Der Wunsch nach Heirat hat sogar seine Mutter überrascht, da hier normalerweise mit 25 geheiratet wird. Am Abend besuchen wir noch das Familienhaus der beiden. Dort leben ihre wie auch seine Familie gemeinsam. Dort saßen die Frauen zusammen um einen kleinen Ofen und bereiteten einen Teig vor. Ich wurde gebeten mich dazu zu setzen. Einen Augenblick später kam der Großvater herein. Er setzte sich und blickte mich an. In diesem Moment wollte ich mein Tuch, welches ich um die Schultern trage, neu ausrichten. Dabei entblößte ich ein wenig mein Brustbein. Ich trug keinen Ausschnitt oder dergleichen aber man sah eben etwas Haut. Der Großvater beugte sich herüber und zeigte wild auf mich und sagte etwas. Ich war total verunsichert und alle fingen an wild zu reden und hielten den Großvater zurück. Ich verstand nichts und der Großvater zeigte weiter auf meine Haut mit aufgerissenen Augen. Die Situation war komisch und ich merkte, wie ich rot wurde. Schnell legte ich das Tuch über mich und guckte hilflos zu Rishi und Mithun. Dann nahm der Großvater meinen linken Arm und fühlte meinen Puls und in diesem Moment erklärte mir Mithun die Situation. Der Großvater ist ein ayurvedischer Doktor und dachte ich sei als Patienten dort. Mein Brustbein war etwas gerötet von der Sonne am Vortag und ebenso habe ich ja manchmal etwas Hautprobleme. Er wollte wissen, seit wann ich diese Hautirritationen habe. Als die Situation aufgelöst war mussten wir alle laut lachen. Leider kam es zu keiner Diagnose oder einem ärztlichen Tipp 🙂
Tja und am nächsten Tag ging es zurück nach Manali. Es regnete wie am Vortag und wir waren sehr durchgefroren. Glücklicherweise konnten wir noch zwei Stunden in unserer alten Unterkunft verweilen. Dort hatten wir auch unser Gepäck gelassen. Um fünf hieß es dann Aufrappeln und den Heimweg antreten. 12 Stunden Busfahrt. Vor zwei Stunden sind wir in Delhi angekommen. Eine Dusche und frische Klamotten waren bitter nötig. Wirklich geschlafen habe ich nicht und der Tag heute wird sich ähnlich gestalten. In wenigen Stunden geht es nämlich weiter zum Bahnhof. Von da aus nehmen wir dann den Zug nach Kolkata. Kolkata ist die Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen. Dort bleiben wir auch ein paar Tage, wie lange steht noch nicht fest.
Jetzt hab ich meine letzten Tage versucht zu beschreiben, bin in den Zeiten gesprungen und habe keine Struktur eingehalten. Genauso chaotisch fühlt sich für mich aber auch noch alles an. Meine Gefühle hüpfen in jeder Sekunde und so richtig begreifen kann ich das alles auch noch nicht. Ich melde mich wieder , sobald ich wieder am Laptop bin. Bis dahin, alles Liebe zu euch.

Drei. „No Problem“

IMG-20190412-WA0019Ich bin angekommen in Indien.

Ohne Probleme konnte ich einreisen und mein Gepäck war auch direkt griffbereit. Ich erwartete einen riesigen und wuseligen Flughafen. Dieser stellte sich jedoch als übersichtlich und strukturiert heraus. Mithun traf mich außerhalb und ich machte seit langem wieder Bekanntschaft mit einer Temperatur von dreißig Grad. Umgehend wurde ein „Uber“ geschnappt und wir fuhren los. Es dauerte nicht lange und ich machte  mit dem indischen Verkehr und Hupkonzert Bekanntschaft. Die ersten Eindrücke flogen an mir vorbei. Die einzelnen Fahrbahnen scheinen keinen wirklichen Sinn zu machen, da sich die jeweiligen Fahrzeuge ihre ganz eigene Fahrlinie gestalten. Das Hupen dient mehr als Nachricht und keiner schien sauer oder erzürnt zu sein. Es scheint „Achtung ich komme“ zu bedeuten. Der erste Tag war bereits so eindrucks-voll, dass es sich anfühlt wie ein ganzes Wochenende. Wir schnappten uns Mithuns Motorrad und gingen essen. Kichererbsen-Curry zum Frühstück. Besser kann ein Tag fast nicht starten. Außer Kaffee im Bett aber der ist ja erstmal gestrichen 😀 Bei einem Saft am Straßenrand beobachteten wir das Treiben auf der kleinen Straße. Es gab viel zu entdecken und ich war wieder über die Gelassenheit erstaunt. Niemand schien gestresst und doch war jeder sehr beschäftigt. Niemand schien sauer und doch wurde viel gehupt und gestikuliert.

Der zweite Tag heute war sehr aufregend, sodass ich eben erstmal für einen Mittagsschlaf eingeschlafen bin.

Mit dem Motorrad ging es zum Bahnhof von Delhi. Davon hab ich schon einiges gelesen und es war tatsächlich los. Unmengen an Menschen und die Möglichkeit ein Ticket zu bekommen schier unmöglich. Für mich als Tourist ist es jedoch kein Thema gewesen. Da gibt es ein extra Touri- Kontingent. Wir wollen am 18.04 nach Kolkata reisen und für Mithun gab es kein Ticket. Er ist auf Platz 230 der Warteliste. Da sieht man mal was hier für ein reges Reisen und Treiben herrscht. Ständig sind Hochzeiten oder andere Festivitäten, sodass der Zug ein unfassbar wichtiges Fortbewegungsmittel ist. Die Motorradfahrt zum Bahnhof war mehr als abenteuerlich. Den Verkehr aus dem Auto zu beobachten war die eine Sache- mitten Drin auf dem Motorrad zu sitzen die andere. Wenn ich noch keine Glauben für mich gefunden hätte oder noch nie gebetet hätte – heute wäre der erste Tag für Glauben und Gebet gewesen. „No Problem Sina.“ War wohl die einfachste Erklärung und sollte beruhigend wirken. Naja.

Die ersten beiden Tage sind spannend und bunt gewesen und ich freue mich auf alles was noch ansteht. Morgen schnappen wir uns einen Bus und fahren raus aus der Stadt. Es geht nach Manali im Himalaya. Mit knapp 10.000 Einwohnern wird das eine nette Abwechslung zu 16 Mio. hier in Delhi. Dort bleiben wir bis nächste Woche den 17. oder 18. und kommen kurz nach Delhi bevor es dann weiter nach Kolkata geht.

Die permanenten Eindrücke sind gar nicht alle wiederzugeben und doch werde ich mich bemühen sie hier so gut es geht aufzuschreiben. Hier ist jedenfalls vieles ganz anders und trotzdem funktioniert alles super. Der Kontrast zwischen Deutschland und Indien ist schon enorm. Generell hab ich noch nichts Vergleichbares erlebt. Mein damaliger Trip nach Thailand konnte mich vielleicht auf einen Bruchteil von Indien vorbereiten.

Alles kein Problem 🙂

 

Zwei. Ein letzter Kaffee.

Mittwoch 10.04.2019.
Da sitze ich hier nun endlich und komme zum Schreiben auf meinem viel zu großen Laptop.
Den habe ich mir wohlüberlegt zugelegt. Die Größe jedoch könnte mir bei meinen anstehenden Reisen noch zum Verhängnis werden.
Aber abwarten. Nun sitze ich hier also in Oslo am Flughafen und trinke noch einen Kaffee bevor es nachher los geht.
Kaffee wollte ich ja eigentlich nicht mehr trinken. Ab Januar war mein Vorhaben „Jetzt lässt du den Kaffee mal sein. Das wird besser sein, wenn
du nicht abhängig von einem Getränk bist auf Reisen“. Bis Indien sind es ja noch 12 Stunden, vielleicht nutze ich die für einen ersten kleinen
Entzug.
Oslo war wundervoll. Meine Freundin Heidi, welche ich 2012 in Australien kennen gelernt habe, war mit ihrer Ruhe und Gelassenheit genau die
richtige Anlaufstelle zwischen Deutschland und Dehli. Als ich zuletzt bei ihr war im September 2018 stand der Plan nur ganz vage noch mal ins Ausland zu gehen.
Und jetzt ein halbes Jahr später bin ich wieder bei ihr mit gepacktem Rucksack und einem One-way-ticket nach Neu-Dehli.
Der Kontrast wird nicht zu übersehen sein. In mir macht sich immer wieder eine Aufregung bemerkbar und wird dann ganz schnell von einem
tiefen Gefühl von Vertrauen beruhigt. Nervös werde ich vor allem bei dem Organisatorischen, was den Flughafen betrifft. Deswegen hab ich eben
auch dreimal gefragt, ob das jetzt wirklich mein Ticket durchgehend bis Dehli ist oder ob ich in Stockholm noch irgendwas machen muss.
Die Dame der Fluggesellschaft war sehr freundlich und beruhigte mich. Alles erledigt. Alles in Ordnung. Das Gepäck wird verfrachtet und
ich muss lediglich das Flugzeug wechseln. Also abgesehen von diesen Dingen bin ich entspannt. Morgen früh werde ich von meinem Freund
Mithun am Flughafen abgeholt. Einige kennen ihn schon namentlich oder auch persönlich. Er ist selbst in Indien groß geworden, spricht fünf
Sprachen von denen ich auch zwei spreche. Also ich denke das ist sehr beruhigend. Er ist in der Tourismus-Branche tätig und spezialisiert auf
Yoga-Erfahrungen für „Westler“. Da er selber über sieben Jahre in Europa, primär Deutschland, gelebt hat, weiß er um die Unterschiede und
vielleicht auch vorherrschenden Vorurteile, Fettnäpfchen und Tricks, die mir zugute kommen werden.
Ich weiß wenig und erwarte nichts. Das fühlt sich nach einer guten Einstellung an. So kann ich eintauchen ohne zu viele Gedanken, ohne
enttäuscht zu werden oder es anders haben zu wollen. Natürlich habe ich mich versucht vorzubereiten, gehe nicht unwissend im Sinne von
Regeln und Sitten. Aber ich versuche nichts zu „wissen“ von dem ich keine Ahnung habe. Mir wurde viel „Wissen über Indien“ entgegen gebracht
von vielen Menschen, die selber noch nie in Indien waren. Völlig zurecht immer mit Bedenken und Sorgen, die geäußert werden. Aber woher kommt
dieses „Wissen“ von etwas, was man nicht erlebt hat oder kennt? Ja es gibt Nachrichten, Berichte und Erzählungen. Aber das soll nicht mein Bild
von Indien und den Menschen dort sein. Ich möchte es erfahren und mit einer gesunden Vorsicht genießen. Ich möchte den Menschen und dem Land
nicht vorab Unrecht tun und davon ausgehen, dass ich weiß wie es dort läuft. Also umso besser einen erfahrenen Swami an meiner Seite zu haben,
der auf den Straßen Indiens groß geworden und überall vernetzt ist. Die nächsten zwei Wochen werden wir wohl reisend verbringen. Mithun hat sich
da was überlegt. Eigentlich steht ja auch noch eine Hochzeit an aber irgendwie ist das nicht so verbindlich wie bei uns. Also kann es sein, dass
ich diese Hochzeit nicht erlebe aber dafür eine andere. „Sina , no problem I can take you to any wedding.“ Oke na gut. Dann lassen wir das
mal alles laufen.
Am 05. Mai beginnt meine zweimonatige Yoga-Ausbildung in Rishikesh. Diese geht bis zum 05.Juli. 2019.
Ich würde gerne Ende April in Rishikesh sein und dort ankommen bevor es dann losgeht. Na gut , ab zum Boarding mit mir 😉

Eins. Und wo ist eigentlich die Aufregung?

Im April gehe ich dann nach Indien!

Diesen Satz vernahm ich zum ersten Mal im November…aus meinem Mund. 2018 verbrachte ich einen Monat in Australien. Dort begegnete ich einigen Menschen, die Unterwegs waren, mit Plan oder auch ohne Plan. Auf die Frage „was ist denn so dein Plan“ antwortete ich relativ unterschiedlich, denn einen wirklichen Plan hatte ich nicht. Einzig und allein ein Gefühl umhüllte mich. Die Idee nach Indien zu gehen lebte schon längere Zeit aber nie so richtig wahrhaftig. 2018 war das Jahr in dem ich einige grundlegende Dinge beendete und auch begann. Und so wuchs eben auch die Neugier nach dem „wie geht es denn dann weiter?“. Mein Monat in Australien sollte mir Klarheit bringen. Ich wollte mit der Vergangenheit Frieden schließen und irgendwie in der Gegenwart etwas über meine Zukunft erfahren. Genau dieses Vorhaben gelang mir ziemlich gut. So landete ich im November 2018 wieder in Deutschland. Kaum in Frankfurt gelandet, telefonierte ich nach Indien. “ Mithun ich komme nach Indien und ich möchte auch eine Yoga-Ausbildung machen.“ Kaum waren diese Worte ausgesprochen, kam die Zukunft ins Rollen. Mein guter Freund Mithun, den ich in Köln kennen lernen durfte, kommt aus Indien und hatte mich immer wieder in dem Gedanken bestärkt die Reise nach Indien anzutreten. Gemeinsam verbrachten wir einige Stunden in einer wunderbaren Yoga-Gruppe in Köln. Yoga. Yoga kam 2015 in mein Leben und war seither eine Bereicherung an Menschen, Erlebnissen, Gefühlen und Aufwachen. Die Idee irgendwie diese Yoga-Praxis zu vertiefen und zu verknüpfen, schwirrte schon lange in mir herum. Und plötzlich war es glasklar. Indien, Yoga, Ausbildung, Sachen packen und los. Das Gefühl zu diesem Plan war stärker als die Vorstellung. Ein gutes Gefühl, denn dieses hat mich die letzten fünf Monate bestärkt, begleitet und motiviert. Und dieses Gefühl ist glaube ich auch Grund dafür, dass ich bisher noch keine Aufregung empfunden habe. Was ich empfinde ist absolutes Vertrauen und Vorfreude. Gut, nun sind es noch drei Nächte bis ich nach Oslo fliege (dort besuche ich meine Freundin Heide für zwei Tage) und fünf Nächte bis ich nach Neu-Dehli fiege. Also noch genug Zeit für die Aufregung. Was ich aber eigentlich meine ist, dass ich mich unglaublich freu und auf das was kommt vertraue. Der Zuspruch aus meinem gesamten Umfeld ist unbeschreiblich und die entgegengebrachte Liebe ein absoluter Halt.